Koordinations- und Kooperationsprinzip

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Tango-dialog-warning.svg Dieser Artikel ist keine offizielle Aussage der Piratenpartei; die Idee ist von Chrisv

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Das Piraten-Prinzip

Das Universum, in dem wir uns zunehmend bewegen, ist die Welt der Netze, und die Welt der freien Software. Grundlage dieser sind zwei Prinzipien:

  • Das Prinzip der Koordination (Freiwilligkeit) - im Gegensatz zur Subordination (Gehorsam)
  • Das Prinzip der Kooperation (Zusammenarbeit) - im Gegensatz zur Exklusion (Ausschluss)

Das reicht aus, solange wir uns im Net bewegen. Im realen Leben fehlt ein entscheidendes weiteres Prinzip, um nicht in organisierter Verantwortungslosigkeit (wie im Sozialismus und nicht nur dort) zu leben: das Prinzip der Verantwortlichkeit. Ohne klare, verantwortliche Entscheidungen funktioniert keine Wirtschaft und keine Politik. Die Kunst besteht darin, Entscheidungsbefugnisse zu erteilen, ohne (Macht-)Hierarchien aufzubauen. (Entscheidungsbefugnis bedeutet ja letztlich Macht.) Die Lösung ist: die Verteilung der Entscheidungsbefugnis nach der Betroffenheit, sonst entscheiden Leute, die das nicht betrifft und die kein inneres Interesse an (und nicht geügend Kenntnisse von) der Sachfrage haben, sowie die Priorität der direkten Entscheidungsbefugnis, also ohne Machthierarchie und die bekannten Folgen. Der Schlüssel für die Gesellschaft der Zukunft liegt in der Frage der Macht. (siehe AG Strategie) (mentist)

Koordinationsprinzip

Das Koordinationsprinzip besagt, dass unverbindliche Vorschläge und freiwillige Übereinkünfte an Stelle verbindlicher Vorgaben einer zentralen Instanz treten. Der Aufbau des Internet selbst ist ein gutes Beispiel für dieses Prinzip: Eine zentrale Internetbehörde existiert nicht, stattdessen gibt es verschiedene Instanzen (z.B. IETF, W3C), die in ihrem Fachgebiet Empfehlungen herausgeben, an die man sich halten kann, oder auch nicht. Wer sich nicht an die Empfehlungen hält, wird nicht bestraft, muss allerdings damit rechnen, dass (auf technischer Ebene) niemand mit ihm sprechen kann oder will, es sei denn, er überzeugt andere davon, den eigenen Vorschlag zu adaptieren.

Einschub: Das Koordinationsprinzip bedingt das Eigentümerprinzip: Der Eigentümer einer Ressource ist die entscheidende Instanz, wenn zwischen mehreren miteinander unvereinbaren Empfehlungen entschieden werden muss.

Im Gegensatz zu dem Koordinationsprinzip bedeutet das Subordiationsprinzip (Gehorsamsprinzip), dass eine zentrale Instanz das Verhalten aller Beteiligten verbindlich festlegt, und Abweichungen von den Festlegungen mit Strafen belegt. Ein typisches Beispiel für das Subordinationsprinzip sind Bauvorschriften: Die Baubehörde entscheidet, was ich auf meinem Grundstück mit meinen Ziegelsteinen bauen darf, und was nicht.

Kooperationsprinzip

Das Kooperationsprinzip besagt, dass verschiedene Entwicklungen aufeinander aufbauen und die von ihnen produzierten Ergebnisse zum gemeinsamen Nutzen austauschen, anstatt sich abzuschotten und die Konkurrenten von der eigenständigen Nutzung der Ergebnisse auszuschliessen. Dieses Prinzip findet sich vor allem (aber nicht nur) in der Freien Software, wo durch die Quelloffenheit jeder jederzeit die Möglichkeit hat, ein Programm zu nehmen, für die eigenen Bedürfnisse anzupassen oder damit etwas völlig neues zu erschaffen. Das Gegenteil des Kooperationsprinzips ist das in der kommerziellen Software vorherrschende Exklusionsprinzip: Hersteller proprietärer Software, z.B. Microsoft, schliessen alle Nicht-Lizenznehmer von der Nutzung ihrer Produkte aus, und schränken auch die Lizenznehmer auf bestimmte Verwendungsmöglichkeiten ein, so ist es z.B. unter der Shared Source Lizenz nicht erlaubt, Teile des Windows-Quellcodes in eigene Programme einzubauen.

Einschub: Das Kooperationsprinzip bedeutet nicht das Gegenteil von Wettbewerb, wie man an den Beispielen Gnome/KDE, vi/emacs etc. sehen kann. Anders als beim Exklusionsprinzip wird der Wettbewerber aber nicht von der Nutzung des eigenen Codes ausgeschlossen, sondern beide Kontrahenden versuchen, auch unter Zuhilfenahme fremden Sourcecodes, das jeweils bessere Programm zu schaffen.

Ausserhalb der freien Software findet man das Kooperationsprinzip z.B. in der Wissenschaft, wo auch jede Publikation auf den Ergebnissen anderer Forscher aufbaut, oder in der Kunst (Künstler übernehmen Ideen und Techniken von anderen Künstlern, um eigene Schöpfungen zu kreieren - die verschiedenen Musikstile sind nichts anderes als Pools gemeinsam genutzter Gitarrenriffs, Gesangstechniken etc.).

Die Auswirkungen der Prinzipien im Umgang miteinander

Die Umgebung, in der man lebt und aufwächst, prägt ohne Zweifel die eigenen Gewohnheiten, Vorstellungen und Umgangsformen. Wir sind mit und in einer Welt aufgewachsen, die auf Freiwilligkeit und Zusammenarbeit basiert; dies hat unsere Vorstellungen und Ziele entscheidend beeinflusst:

Freiwilligkeit bedeutet Respekt vor den Mitmenschen: Wen man nicht zu etwas zwingen kann, muss man überzeugen, und wen man überzeugen will, den sollte man besser ernstnehmen. Jeder, der sich im Internet bewegt, lernt schnell, dass man mit Bevormundung und Fremdbestimmung nichts erreicht, ausser höchstens dem Anzetteln von gigantischen Flamethreads.

Zusammenarbeit bedeutet Fairness und Gerechtigkeit: Niemand will mit jemandem zusammenarbeiten, der andere nur ausnutzt und sich Vorteile auf ihre Kosten verschafft. Und niemand möchte gerne ausgenutzt oder übers Ohr gehauen werden. Piraten haben daher meist einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Das Piraten-Prinzip in der Politik

Piraten sind mit den Prinzipien der Freiwilligkeit und der Zusammenarbeit aufgewachsen, und wir haben in unserer Welt grosse Erfolge damit erzielt - das Internet in seiner heutigen Form läuft zum überwältigend grossen Teil auf Software, die dem Kooperationsprinzip folgt (z.B. Linux, BSD, Apache, Perl, PHP, Firefox, ...) - kein einzelner Hersteller wäre in der Lage gewesen, eine solche Vielfalt an Möglichkeiten nach dem Ausschlussprinzip zu erschaffen, d.h. ohne auf die Werke anderer aufzubauen, stattdessen hätte man vermutlich viel Zeit und Energie dafür aufgewendet, Mechanismen zum Ausschluss von Konkurrenzprodukten zu schaffen.

Das Internet folgt auch dem Koordinationsprinzip - angefangen von Routings/Peerings über Protokolle bis hin zu Konventionen (z.B. die Wikipedia[1]); starre Gesetze und Verbote hätten die Entwicklung von Anfang an erschwert, wenn nicht gar verhindert (kein Innenminister der Welt hätte jemals die Genehmigung zum Aufbau eines weltumspannenden Netzes erteilt, in der jeder unkontrolliert mit anderen kommunizieren kann).

Wenn wir als Piraten also politisch aktiv werden wollen, dann ist unser primäres Ziel, zu verhindern, dass unsere Welt der freiwilligen Zusammenarbeit zerstört und dem Subordinations- und Ausschlussprinzip unterworfen wird. Darüberhinaus wollen wir darauf hinarbeiten, unsere Prinzipien, soweit möglich und sinnvoll, auch in anderen Bereichen anzuwenden - denn wir haben bereits bewiesen, dass man mit diesen Prinzipien grosse Dinge erreichen kann.

Aber nicht nur die Zielsetzung, sondern auch die Arbeit innerhalb der Partei und der Umgang untereinander muss den Prinzipien von Freiwilligkeit und Kooperation entsprechen, denn man kann erstens nicht anders handeln, als reden, und ausserdem macht die Parteiarbeit keinen Spass, wenn es dabei intransparent und/oder unfair zugeht.

[1] die Einhaltung der Wikipedia-Regeln (POV, Formatierung, ...) ist rein freiwillig, sollte aber beachtet werden, wenn man will, dass der eigene Beitrag mehr als nur ein paar Minuten überlebt

Das Piraten-Prinzip und die Wirtschaft

(ein kniffliger Punkt, aber sehr wichtig. Braucht vermutlich noch einiges an Klarstellungen und Feinschliff. --chrisv)

Ein häufig gemachter Fehler ist es, das Piraten-Prinzip mit sozialistischen oder kommunistischen Ideologien gleichzusetzen - und dieser Fehler wird sowohl von Befürwortern wie Gegnern der freiwilligen Zusammenarbeit gemacht. Dieser Ansatz kann nicht mit den Ideen des Sowjetkommunismus gleichgesetz werden, da es sich hierbei um Theorien aus dem 19. Jahrhundert handelt, beim Piraten-Prinzip aber um einen Ansatz aus dem 21. Jahrhundert.

Manche Leute behaupten z.B., freie Software bedeutete Kommunismus und geistige Enteignung. Aber Piraten wollen weder die PCs anderer Piraten vergesellschaften, noch wollen sie irgendwen dazu zwingen, freie Software zu schreiben (der Zwang zur Veröffentlichung der Quellen trifft nur die Nutzer von GPL-Quellcode, und niemand ist gezwungen, diesen zu verwenden).

(ich denke zu speziell und zuviel eigene meinung, was wollen wir ändern? --mewister)

Andere wiederum folgern aus den unbestrittenen Vorteilen der Kooperation, dass es eine gute Idee wäre, möglichst alle Menschen zur kooperativem Verhalten zu zwingen oder gar geistiges oder materielles Eigentum (bzw. Teile davon) Dritten gegen den Willen des Eigentümers zur Verfügung zu stellen (in diese Kategorie fallen Kulturflatrate, Grundeinkommen etc.). Das widerspricht aber dem Gedanken der Freiwilligkeit und ist gegenüber den so Enteigneten weder fair, noch respektiert es das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Ein ideales Sozialsystem sollte vielmehr die Notwendigkeit einer sozialen Mindestabsicherung mit dem Grundprinzip der Freiwilligkeit (derjenigen, die es finanzieren) in Einklang bringen.

(mein vorschlag:. --mewister)

Bei der Piratenpartei kommen viele unterschiedliche Vorstellungen einer guten Wirtschaftspolitik zusammen, doch unser gemeinsames Anliegen ist, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte, und nicht der Mensch der Wirtschaft. Oftmals bringt die akuelle Wirtschaftspolitik nur einzelnen Vorteile statt allen zu nutzen. Freiheit und Kooperation sollen sich nicht (wie bei Kapitalismus und Kommunismus) ausschliesen sondern positiv ergänzen. Das Anliegen der Piratenpartei ist es diesen Zielen unter anderem mit einer neuen Patentpolitik OpenAccess und einer Neuordnung des Urheberrechts und der Infrastrukturmonopole gerecht zu werden.

(zur diskussion siehe auch: http://forum.piratenpartei.de/viewtopic.php?p=13586#13586 --mewister)

Editor's note: Der folgende Text soll versuchen, die gemeinsamen Grundlagen der Piraten herauszufinden und zu benennen. Er enstand, weil sich auf der ersten Versammlung im Landesverband_Baden-Wuerttemberg herausstellte, dass wir zwar alle ein gewisses "Bauchgefühl" haben, was die Partei und deren Ziele angeht, aber niemand diese Ziele und Vorstellungen präzise benennen konnte.

Der Sinn einer Philosophie besteht darin, als Hilfsmittel bzw. Richtschnur zu dienen, mit deren Unterstützung man widerspruchsfreie und konsistente Positionen zu konkreten Themen erarbeiten kann. --Chrisv 17:17, 17. Sep 2006 (CEST)