AG Geldordnung und Finanzpolitik/Kapitalismus

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Kapitalismus

Kapitalismus ist das arbeitsteilige Wirtschaftssystem, in dem vorrangig Unternehmer gegen Gewinnaussichten (Mehrwert) das Risiko der Vorfinanzierung von Einkommen tragen. Zentral sind dabei Wertschöpfungsketten, in denen (Mehr-)Wertschöpfung in kleinen Arbeitsschritten an zentralen Stellen (Fabriken) stattfindet. Die Produktion ist für überregionale Märkte bestimmt und wird in Konkurenz zu anderen regional und überregional produzierten Waren vermarktet. Durch die weitgehende Automatisierung und moderne Logistik wird Massenproduktion und Großvertrieb von Waren und Dienstleistungen ermöglicht.

Damit Kapitalismus funktionieren kann, muss es funktionierende Möglichkeiten für Vorfinanzierung geben. Um eine Wertschöpfungskette erfolgreich betreiben zu können, müssen die notwendigen Investitionen (in Rohmaterial, Löhne und Gehälter, Transport, Löhne und Gehälter, Weiterverarbeitung, Löhne und Gehälter, die Herstellung von Vor-, Zwischen- und Fertigprodukten, Löhne und Gehälter, Vertrieb, Export und Forschung, Löhne und Gehälter) vorfinanziert werden. Dazu reichen die Eigenmittel von Unternehmen nicht immer aus, weswegen die (Vor-)Finanzierung (zum Teil) durch Banken und sonstige finanzielle Unternehmen ermöglicht werden muss.

Finanziell und rechtlich gesehen ist Kapitalismus eine Kette von Kontraktschulden - das Geldsystem macht einen Teil der Verbindlichkeiten zahlungshalber "umlauffähig". Die Vorfinanzierung von Wertschöpfungsketten durch Kredite gegen Entgelt (Gebühren und Zinsen) und Pfand zu ermöglichen, ist die entscheidende und wichtige Aufgabe des Finanz- und Bankensystems.

Der Kapitalismus ist von inneren Widersprüchen geprägt. Die Ausgaben und Schulden des Einen sind die Einkommen und Guthaben der Anderen. Damit gibt es ein permanentes Spannungsverhältnis in dem meistens gleiche Interessen mit konkurrierenden Interessen zusammen auftreten. Diese Widersprüche lassen sich systemimmanent nicht auflösen. (Siehe unten: Motivation der Akteure)

Analyse des Kapitalismus

Innere Dynamik des Kapitalismus

Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse basieren auf dem (weitestgehend uneingeschränktem) Recht auf Privateigentum an Produktionsmitteln. Das Streben nach der Aneigung des erzeugten Mehrwertes (Profit) ist der Antrieb für das Handeln jedes einzelnen Kapitaleigentümers. Durch den Wettbewerb entsteht eine fortwährende Kapitalakkumulation bei entsprechender fortwährender Verdrängung von Marktteilnehmern aus dem Wertschöpfungsprozess. Betroffen sind sowohl Unternehmer als auch nichtselbstständige Arbeiter die zunehmend unter die Markteintrittsschranke fallen.

Gleichzeitig sorgte im Frühkapitalismus die Kapitalakkumulation dafür kritische Schwellen für die Bündelung von Resourcen zu überschreiten, die eine Entfaltung der sich entwickelnden Produktivkräfte (Dampfmaschinen, maschinelle Webstühle) ermöglichte. Damit gelang eine Überwindung von materiellem Mangel in vormals nie gekanntem Ausmaß. Zudem bedeutete die vorausgehende Befreiung aus den starren Produktions- und Besitzverhältnissen des Feudalismus eine bedeutende Erweiterung individueller Selbstbestimmung.

Diese beiden zentralen Aspekte der fortwährenden, unstetigen Kapitalakkumulation, Bündelung der Produktivkräfte einerseits und Exklusion aus dem Wertschöfpungsprozess andererseits, erreichen bei den Kapital- und Vermögensverteilungen des entwickelten Kapitalismus eine neue Qualität. Die einst sehr positive Erscheinung der verbesserten Ausnutzung sich entwickelnder Produktionsmittel entfällt und führt zu inneffizienteren Unternehmensgrößen, oligopolistischen und monopolistischen Marktpositionen die nicht zuletzt den Innovationsdruck von Marktmechanismen aufheben und machtpolitische Übergriffe auf demokratisch verfasste Gesellschaften Überhand nehmen lassen (Dominierender Lobbyismus in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen).

Die fortschreitende Exklusion immer größerer Bevölkerungsteile aus dem Wirtschaftsprozess erreicht ein unerträgliches Ausmaß, welches die Betroffenen auch in entwickelten Ökonomien existentiell bedroht. Während staatliches Handeln in einer geschichtlich abgeschlossenen Phase den selbstzerstörerischen Prozessen, in Anbetracht der Systemkonkurrenz mit "Sozialistischen" Staaten und der Umverteilungsmöglichkeiten durch kapitalische Expansion, entgegenwirkte, tritt der staatliche Akteur nunmehr auch in Demokratien als Erfüllungsgehilfe des akkumulierten Kapitals in Erscheinung. Es findet keine gesamtwohlfördernde makroökonomische Wirtschaftspolitik statt. Hierbei ist anzumerken, dass es sich bei dieser Systemkonkurrenz um eine Konkurrenz zwischen dem System des Staatskapitalismus auf sozialistischer Seite und einem Konkurrenzkapitalismus auf westlicher Seite handelte. Wichtige kapitalistische Grundsätze waren in beiden Systemen vorhanden.

Die Motivation der Akteure im Kapitalismus

Kurzauszug aus dem Vortrag von Prof. Homann:

- Der Systemimperativ Wettbewerb zwingt alle Spieler im System Marktwirtschaft unter seine strenge Logik.
- Der Imperativ für Starke und Schwache lautet: Maximierung der Ressourcen und präventive Maximierung der Ressourcen in jedem Augenblick. Der stärkste Trieb des Menschen, der Überlebensinstinkt erzwingt im Wettbewerb diese Motivation.
- Das präventive Gewinnstreben von Unternehmen ist nicht Ursache sondern Folge des Wettbewerbs.

- Fazit 1: Wettbewerb ist die Bedingung allen Wohlstands, er braucht dafür aber ein geeignetes Regelsystem. Dieses soll die eigeninteressierten Handlungsoptionen der Akteure so kanalisieren, dass der Wohlstand für alle dabei herauskommt.
- Fazit 2: Die Wettbewerbslogik erschwert es dem einzelnen Akteur moralisch zu handeln. Nur wenn sich moralisches Handeln wirtschaftlich auszahlt, oder unmoralisches Handeln durch sanktionsbewehrte Regeln systematisch unwirtschaftlich gemacht wird, kann sich moralisches Handeln im Wettbewerb durchsetzen.
- Fazit 3: So verschiebt sich die Moral unter Wettbewerbsbedingungen von den Motiven, Tugenden und Charaktereigenschaften der Einzelnen grundlegend wenn auch nicht ausschließlich auf die Rahmenordnung, was wir auch soziale Ordnung nennen. Auf der Systemebene müssen also die Probleme, die durch Marktwirtschaft und Wettbewerb entstehen, angegangen und gelöst werden.
- Fazit 4: Der Kapitalismus hat den Mangel sehr gut beseitigt. Er erstickt aktuell am selbst geschaffenen Überfluss. Dieser Überfluss wird sehr ungleich und vermachtet verteilt. Natürlich und künstlich erzeugter Mangel sind die notwendigen Gegenpositionen um den Überfluss der Wenigen entsprechend zu ermöglichen.

Die Rationalitätenfalle

Die zunehmende Größe von Unternehmen, immer noch Mikroökonomie, führt auch dazu, das makroökonomischen Denkweisen durch mikroökonische Denkweisen verdrängt/ersetzt werden.
Auch wenn Vorstände großer Unternehmen durchaus sehen, das ein Handeln der Gewinnmaximierung mittel- und langfristig nicht zukunftsweisend ist, kann das Handeln nicht geändert werden, da sonst ein potentielles Verschwinden des Unternehmens mittel- und langfristig im Raum steht (siehe Systemimperativ Wettbewerb). Selbst wenn ein Unternehmer erkennt, dass er durch sein Verhalten die Gemeinschaft schädigt (bspw. durch mehr Arbeitslosigkeit) und erkennt, dass vieles, was ihn persönlich und seine Firma besser stellt, der Gemeinschaft und dem Planeten schaden, muss er wegen des Wettbewerbs trotzdem so weitermachen. Das bedeutet Erkenntnis ist überhaupt nicht geeignet, selbst bei "gutem Willen", aus der Rationalitätenfalle zu entkommen.
Die Rationalitätenfalle heißt genau deshalb Falle, weil selbst bei ganzheitlichem Erkennen des Dilemmas ein Umdenken wegen persönlichen Nachteilen und den Wettbewerbsfolgen (wenn ich es nicht tue, dann macht ein Anderer das Geschäft) nicht zu einer Änderung des Verhaltens führen kann.

kognitive Dissonanz:
Selbst wenn also die Führungsschicht der Unternehmen die Sackgasse erkennt, gelten immer noch die Regeln der Konkurrenz. Um also nicht weiter in die Sackgasse hineinzugehen, müssen die Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass die Regeln der Konkurrenz in dem Bereich nicht mehr wirken können, oder einen anderen Weg erzwingen. Siehe gesellschaftliche Vision

Einfluss des Kapitalismus auf das Menschenbild

Das Menschenbild im Kapitalismus ist auf seine Funktion als Marktteilnehmer reduziert. Der Wert eines Menschen ist auf seine Funktionalität als Wirtschaftssubjekt beschränkt. Die für den Kapitalismus wichtige individuelle Freiheit begründet sich darin, dass dabei soziale Bindungen auflöst werden und eine soziale Verantwortung des Individuums für dessen Handlungsweisen negiert wird. Jegliche soziale Verantwortung wird mit Verweis auf die "Märkte" und deren systeminhärenten Logiken und Wirkungsweisen abgelehnt. Diese Wirkungsweisen werden als "Naturgegeben" dargestellt, damit die negativen Auswirkungen dieser Wirkungsweisen auf einen großen Teil der Menschen als alternativlos und unabänderlich propagiert werden können. Es befreit den Mensch von seinem Gewissen und hat zum Ziel das Denken und Verhalten von Menschen auf einen reinen Reaktionismus einschränken zu wollen, um dabei deren gestalterischen und schöpferischen Kräfte nur in den Systemgrenzen des Kapitalismus zuzulassen. Dies ist als ein wesentliches Element in der Steuerung von Menschenmassen zur Durchsetzung von (Minderheiten-)Interessen zu begreifen. Gleichzeitig wird damit verschleiert welche Menschen hinter diesen Interessen stehen. Ein guter Mensch im Sinne des Kapitalismus ist ein Individuum das eine genormte Funktionalität aufweist und sich selber sowohl im Markt anbietet, als auch im Markt verwerten lässt.

Der Kapitalismus bildet Machtstrukturen aus. Wölfe und Schafe. Die Wölfe beherrschen den Kapitalismus: Funktionelle Psychopathen kommen in diesem System an die Spitze. Man könnte aus dem Vortrag von Prof Homann ableiten, dass der inhärente Sozialdarwinismus des Marktes den Akteuren die Spielregeln aufzwängen. Diese Logik gilt es zu durchbrechen.

Schlussfolgerungen für die Zukunft

Durch den Wettbewerb konkurrieren Unternehmen gegeneinander. Dabei stellt der Staat sicher, dass der Wettbewerb sich auf Bereiche beschränkt, die im Ergebnis positiv auf das Gemeinwohl auswirkt. Der Wettbewerb bei Preisen, Qualität und Innovationen ist wünschenswert, weil dadurch möglichsts sichere, qualitativ hochwertige Produkte möglichst günstig der Allgemeinheit angeboten werden. Konkurrenz in Bereichen, die das Gemeinwohl schädigen, um möglicht billig produzieren zu können, wie schlechte Bedingungen für Arbeitnehmer, wenig Arbeits- und Produktsicherheit, wenig Umweltschutz, etc. ist nicht wünschenswert. Durch sanktionsbewehrte Regeln und branchenspezifische Flächentarifverträge und Mindestlöhne werden wünschenswerte Mindeststandards durchgesetzt.



Literaturhinweise und weitere Informationen zum Thema Kapitalismus

Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz. Freier Download eines 2,4 MB umfassenden PDFs mit über 400 Seiten

http://www.exit-online.org/pdf/schwarzbuch.pdf