Benutzer:TurBor/Anträge/Wissenschaft

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Diskussionsseite zum Programmantrag "Wissenschaft und Forschung" - Antrag im Pad und in LQFB

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Hallo @turbor, hier, wie vorhin auf Twitter besprochen, ein paar Anmerkungen zu dem, wie ich finde, wirklich sehr wichtigen Antrag:

Ich würde an einigen Stellen mit den Forderungen deutlich weiter gehen (mein Punkt 3.), an anderen weniger "pathetisch" sondern pragmatisch bleiben.

1) "Fortschritt der menschlichen Gesellschaft" unterstellt erstmal, dass es so einen Fortschritt gibt. Grade im Sinne von "ideologiefrei" würde ich solche geschichtsphilosophischen Axiome vermeiden (oder um mit Karl Popper zu sprechen, nicht dem "Elend des Historizismus" aufzulaufen, also der Vorstellung, dass sich die Welt in bestimmter, gesetzmäßiger Weise entwickelt). Es ist ja auch gar nicht nötig, mit der ganzen Menschheit daher zu kommen.

Vorschlag für die den ersten Absatz: "Wissenschaft ist ein wesentlicher Teil der Kultur und dient nicht nur als Grundpfeiler für technologische Entwicklung, sondern auch für die intellektuelle Entfaltung. Dazu leisten [... ...] gesteuert werden darf. Insbesondere die Grundlagenforschung, die keinen direkten praktischen oder monetären Nutzen anstrebt, muss also gefördert werden."

2) Ideologiefreiheit der Wissenschaft: wie vorhin getwittert (und wie von dir gewünscht, etwas ausführlicher; soll kein getrolle sein!) - spätestens seit Ende des 18. Jhd. ist klar, dass kein Mensch ohne theoretische Vorannahmen Wissen über Experimente erwerben kann. Man muss das nichtmal postmodern dekonstruieren - schon Kant ist darauf gestoßen, dass wir nur über ein bereits bestehendes Vermögen zur Reduktion und Mustererkennung unsere Sinneseindrücke in eine, für uns brauchbare Repräsentation unserer Umwelt projezieren; heute ist bekannt, dass z.B. bereits in der Verarbeitung der optischen Eindrücke zwischen Auge und Hirn ein Teil dieser Reduktion stattfindet. Wenn wir z.B. eine "Linie" zwischen Wand und Zimmerdecke sehen, ist diese Linie dort ja nicht wirklich ein Ding, das wir, wenn wir näher hingehen, noch vorfinden, sondern es ist eine Abstraktion, die uns in der Evolution nützlich war. Genauso ist wissenschaftliche Erkenntnis immer Teil eines gesellschaftlichen Prozesses und notwenidiger Weise muss man dazu Annahmen treffen. Das fängt bei der Auswahl der Objekte an. Die meisten Dinge, die wir untersuchen, sind keine Einzeldinge, sondern Mengen, Vielheiten von Einzeldingen, die zusammengefasst werden. Die Vorstellung von "Wiederholbarkeit" von (Zufalls-)Experimenten z.B. ist so eine Abstraktion; nicht umsonst gibt es eine ganze Schule von Statistikern, die diese "Frequentistische Täuschung" ablehnen. Ebenso die Vorstellung von "Evidenz" - Franz Brentano hatte, denke ich, als letzter Versucht, dieses Konzept zu retten - ist von Bertrand Russell, Ludiwig Wittgenstein und anderen entsprechend restlos zerlegt worden und fristet meines Wissens nach nur noch bei den - wissenschaftsmethodisch eher naiven Medizinern ein Schattendasein.

3) und jetzt pragmatisch: wozu brauchen wir "Ideologiefreiheit"? a) für das Vermeiden von Einschränkungen durch Verbote, Regeln etc., die zu früh die Entwicklung abwürgen würden und b) für Kriterien, was förderungswürdig ist.

b) ist einfacher: um eine möglichst liberale Form von Wissenschaftsförderung zu erlangen, würde ich vermeiden, in die ideologische Falle des Positivismus zu laufen. Aber wozu auch? Als Piraten-Konzept für die Zuteilung von Wissenschaftsförderung erwarte ich doch einen Liquid-Democracy-Prozess und die Entscheidung in (mehr oder weniger) intransparenten Gremien entschieden, so wie bisher. Basisdemokratische Entscheidung für Fördermittel ist sicherlich nicht schwieriger, als die Regelung der ganzen anderen, komplexen gesellschaftlichen Themen. LQDY hat genau den Vorteil, dass jeder Experte zu Wort kommen kann, egal, ob er als Gutachter bestellt ist, einem Gremium angehört, oder eben nicht. In der Diskussion würden ideologische Vorbehalte gegen Anträge auf Förderung schnell sichtbar und könnten direkt entkräftet werden, statt sie vorab durch eine Regel der "Ideologiefreiheit" abzufangen, die sich auch kaum operationalisieren ließe.

a) ist schwieriger, denn hier geht es um den Rahmen, in dem b) ablaufen kann. Hier kommt man unweigerlich jenseits einer Diskussion um "Meinungen" zur Verhandlung von "Wahrheiten". Genau wie die Frage, ob die Leugnung des Holocaust eine Meinung ist, oder ob sie den Rahmen des Konsens sprengt, müssen die Grenzen ethischer Wisschenschaft gezogen werden. Diese Gründe, die man nennen kann, um diese Grenzen zu definieren, finden sich niemals innerhalb der betreffenden Wissenschaft, sondern es sind Axiome, die auf Basis von Überzeugungen festgelegt werden - und zwar fast unweigerlich unter Einbeziehung der letzten Konsequenzen. Aber auch hier - pragmatisch: es geht in der Praxis imo meist gar nicht darum, die willkürlichen Grenzen abzuschaffen, sondern darum, dass die Festlegung transparent erfolgt und nachvollziehbar ist. Es gibt dafür noch kein Patentrezept, aber wenn man das Prinzip der direkten Demokratie konsequent denkt, sollte zumindest die Diskussion über die Werte der Wissenschaft offen, in Form eines Prozesses geführt werden, wie eben, z.B. die Aufstellung der Regeln in Wikipedia.

Daher finde ich es wichtig, in den Antrag das Entscheidungsprinzip gleich mit hineinzubringen. So in der Art: "Um eine möglichst freie Entfaltung der Wissenschaft zu ermöglichen, sollte die Förderung von wissenschaftlichen Projekten offen und direkt verhandelt werden. Der ethische Rahmen, in dem Wissenschaft stattfinden darf, wird ebenfalls offen und direkt verhandelt. Dabei sollten die bewährten Systeme der direkten Demokratie Verwendung finden" --Jbenno 13:21, 29. Dez. 2011 (CET)