Benutzer:K-nut/Fremdinfos

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kritische Texte

Von der Macht des Aberglaubens

Im Jahr 2007 fand im Frankfurter Dom eine eigentümliche Prozession statt, bei der eine Reliquie im Kircheninnern herumgetragen wurde. Wegen des Museumsuferfestes musste man sich darauf beschränken und auf eine Prozession durch die Gassen verzichten. Es handelt sich dabei um die Neuauflage einer Wallfahrt, die der Schädeldecke des Apostels Bartholomäus gilt. Obwohl man nicht weiß, wie viele es davon gibt, hat sich die katholische Kirche entschlossen, ein Patronatsfest des Apostels für die Frankfurter Domgemeinde einzurichten und so zu tun, als hätte es schon immer eine Wallfahrt mit Prozession gegeben. Seit der Reformation hätte die Freie Reichsstadt eine solche kategorisch untersagt und noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg war davon keine Rede. Das besagte Frankfurter Ereignis – oder sollte man nicht besser von Event sprechen? – kann nicht isoliert betrachtet werden. Schon beim sogenannten Weltjugendtreffen in Köln hat Papst Benedikt XVI. die Verehrungswürdigkeit der Gebeine der heiligen drei Könige betont und Köln nach Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela als vierten bedeutendsten Wallfahrtsort hervorgehoben. Man könnte sich mit Recht die Frage stellen, ob die katholische Kirche zum vorreformatorischen Reliquienverständnis und seinem Kult zurückkehrt. Oder hat sie dieses nie verlassen? Wallfahrtsorte vermitteln stets den gleichen Eindruck: Aus verschlafenen, entlegenen und völlig unbedeutsamen Orten wurden modernste „Dienstleistungszentren“. Beispielhaft ist das bosnische Medugorje. Diesen seit 1981 bestehenden Wallfahrtsort haben bis heute etwa fünfzehn Millionen Pilger besucht. Was war geschehen? 1981 erschien sechs Jugendlichen auf einem Berg die Muttergottes und seitdem täglich. Der Andrang, der sofort einsetzenden Massenwallfahrt war so groß, dass schon ein Jahr später die Erscheinungen Mariens – wie es tatsächlich im amtlich-kirchlichen Führer steht – in die im Tal gelegene Kirche „verlegt“ wurden. Was für eine Verlegenheit! Man kann also eine göttliche Vision aus praktischen oder geschäftlichen(?) Gründen einfach verlegen! Das kann man nicht kommentieren. Auf jeden Fall staunt man, wenn man durch das noch vom letzten Krieg gezeichnete Bosnien fährt und in den Landkreis kommt, in dem Medugorje liegt, wie modern und hoch entwickelt die gesamte Infrastruktur dieser Gegend ist. So mancher westdeutsche Landkreis und so manche Kleinstadt würde vor Neid erblassen. Das Geschäft mit dem Pilgerwesen ist unübersehbar. Mir fallen dabei unwillkürlich zwei Beispiele aus längst vergangener Zeit ein: Stellen Sie sich ein völlig verschlafenes und armseliges Bergdorf Burgunds im hohen Mittelalter vor. Arm war man in der Tat, aber vielleicht doch nicht so verschlafen, denn man fand zufällig die Gebeine der heiligen Maria Magdalena, und da der Ort ebenso zufällig an einem der Jakobswege nach Santiago de Compostela lag, war das Geschäft perfekt: Das Pilgergeld floss in Strömen. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten konnte eine der schönsten romanischen Kathedralen errichtet werden, die von Vézelay. Es erwies sich für diesen Wallfahrtsort als nicht hinderlich, dass in Aix en Provence eine Zweitausgabe der Gebeine der Maria Magdalena verehrt wurde. Der damalige Papst, vor dieses Dilemma gestellt, bemerkte lakonisch, die wahren Gebeine würden sich durch ihre Wundertätigkeit erweisen – und das taten sie beide! Das zweite Beispiel aus dem hohen Mittelalter führt uns in die nordfranzösische Provinz. Stellen Sie sich wiederum eine arme, unbedeutende Diözese mit einem genau so schäbigen Bischofssitz vor. Man hatte auf einmal zufällig – erworben, gekauft, gefunden, niemand weiß es mehr – das Hemd, das Maria trug, als das Christuskind zur Welt kam. Das war eine tolle Sache. Das Pilgergeld sprudelte auch hier so stark, dass in wenigen Jahrzehnten die vielleicht bedeutendste französische Kathedrale gebaut werden konnte: die von Chartres. Die Welt der Reliquien ist eine ganz seltsame. Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu geben, das Göttliche in Gegenständen erblicken zu wollen, um Heil und Erlösung von allen Schwernissen zu erhalten. Das wäre als solches nicht zu verurteilen, wenn nicht Betrug und Geschäftemacherei dahinter stünden und ein eindeutiges Bestreben, jene gutgläubigen und bedürftigen Menschen in einer gewissen Dummheit zu halten. Der Gang in die Welt der Reliquien ist nicht einer allein in das Mittelalter, sondern er erstreckt sich bis in unsere Tage. Er fand seine Grundlage in der Spätantike, als sich das Christentum schriftlich und organisatorisch zur Kirche ausbildete. Zu jener Zeit, also 4. bis 5. Jahrhundert, entstanden auch zwei mehr als fragwürdige Schriften: die Apostelgeschichte und die Kirchengeschichte des Eusebius. Gerade in letzterer wird das sogenannte frühchristliche Märtyrertum, über weite Strecken frei erfunden, zum festen Glaubensinhalt der sich ausbildenden neuen Kirche. Die Völkerwanderung und die arabische Expansion machte in Europa vieles davon zunichte, so dass sich die Karolinger, insbesondere Karl der Große, zu einer spezifischen Aufgabe gedrängt sahen: den Wiederaufbau der christlichen Kirche. Daran gingen sie mit Energie, zum einen, um ihre Macht zu legitimieren und zu sichern, und zum anderen, um über eine vorgeschobene Missionierung sich neue Territorien und Gebiete anzueignen. Neben beachtlichen organisatorischen Leistungen und bedeutenden bildungsmäßigen Einrichtungen kam es zum ersten Großeinsatz von Reliquien, die gleichsam die Frömmigkeit, ja, die Heiligkeit des Herrschaftssystems untermauern sollten. So stattete Karl der Große seine Pfalzkapelle zu Aachen, der Maria geweiht, mit besonderen Reliquien aus: dem Umstandskleid Mariens, den Windeln Jesu, dem Lendentuch Jesu und dem Tuch, auf dem der Kopf Johannes des Täufers lag. Natürlich durften auch das Blut Jesu, Teile des Kreuzes und die Kreuzesnägel nicht fehlen. Eine beachtliche Reliquiensammlung ist damals zusammengetragen worden. Der Ort der fränkischen Königskrönung wurde zugleich zu einem heiligen Ort. Dazu trat ein seltsamer Umstand ein, die Reliquien verschwanden, ob sie versteckt wurden oder zu Grunde gingen, ist nicht zu sagen, auf jeden Fall wusste kein Mensch mehr von ihnen, bis sie ganz plötzlich wieder entdeckt wurden. Ähnliches wird auch vom Heiligen Rock zu Trier berichtet. Dies ist in jedem offiziellen Führer nachzulesen. So soll die für Vieles strapazierte Heilige Helena, die Mutter Konstantins des Großen, zur Reliquiensuche nach Palästina gereist sein und nach einigem Suchen das Kreuz Jesu, den heiligen Rock, um den die Schächer gewürfelt haben und noch vieles andere mehr gefunden haben. Letztlich verschwand alles, um Jahrhunderte später auf einmal wieder aufzutauchen. Der Heilige Rock zu Trier wurde 1196 wieder entdeckt und ausgestellt, wenige Jahre später war er nicht mehr auffindbar. Aber 1512 wurde er auf Wunsch Kaiser Maximilians I. wieder aufgefunden und ausgestellt u.s.w. Entweder war das Ganze so wichtig und bedeutsam, dann wäre es in den Geschichtsaufzeichnungen der Stifte und Klöster bewahrt geblieben, oder es war der Willkür eines Bedarfs ausgeliefert, der, je nach Interessenlage, die heiligen Objekte benötigte oder sie wieder in den Kellern verschwinden ließ. Gesichert ist eines: All die frommen Erzählungen über die Heiligen und die Märtyrer, unter anderem auch die Geschichten um die Heilige Helena, entstammten der Feder Jacobus a Voragine, Erzbischof und kirchenlateinischer Schriftsteller aus Genua. Sie gingen unter dem Titel der „Legenda aurea“ nicht nur in die Geschichte ein, sondern sie wurden als bare Münze aufgefasst und immer wieder in die Geschichte eingetragen. Das Zeitalter, in dem die „Legenda aurea“ verfasst wurde, war das der Kreuzzüge. Auf diesen wurde das eigentliche Reservoir der Reliquien gefunden. Man hat ausgerechnet, dass man allein von den Splittern des Kreuzes Jesu ein Kriegsschiff hätte bauen können, und dass die Nägel vom Kreuz viele Zentner wogen. Den Kreuzfahrern wurde im Vorderen Orient alles angeboten, und sei es noch so obskur, was irgendwie im Scheine der Heiligkeit stand. Eine kleine Auswahl: der Gürtel Jesu, der Gürtel Mariens, die Haare Mariens und die von Johannes dem Täufer – alle vier Objekte sind Teil des Aachener Domschatzes; aber auch Entlegenes oder Geschmackloses, wie das Heu aus der Krippe Jesu, das heilige Heu wird noch heute im Niederösterreichischen Gaming verehrt, oder die Brosamen vom letzten Abendmahl, auch in Gaming zu bestaunen und als besonderer Clou wird die Muttermilch Mariens, die sacro latte, in Montevaschi (Toskana) und in Orviedo (Spanien) verehrt. Vor allem aber wurde der Bedarf an heiligen Gebeinen oder Gebeinteilen im 12. und 13. Jahrhundert zu einem wahren Wirtschaftszweig. Jedes Stift, jedes Kloster, aber auch jede einzurichtende Wallfahrtsstätte benötigte Reliquien, um Ansehen und Einkünfte zu halten, zu steigern oder neu zu erschließen. Ich stehe immer etwas fassungslos vor der Frage, warum die Kirche nicht das Handelsmonopol für die Reliquien inne hatte, sondern die Angebote dem freien Handel überließ. Hatte es vielleicht ähnliche Gründe wie das Anheuern einer bestimmten Gilde von Schaustellern, die, als Krüppel getarnt, spontane Heilungen vor ausgestellten Reliquien spielten und dann sofort verschwanden? Es fällt uns heute ungemein schwer, das Mittelalter und seine Nachwirkungen in die Neuzeit hinein zu verstehen. Es ist vor allem die seltsame Gläubigkeit, die zwischen weltlichen und sakralen Bezügen so zerrissen erscheint und ein schon immer vorhandenes Aufklärungs- und Reformbestreben, das in die Abgründe eines unvorstellbaren Aberglaubens zu fallen drohte, die unsere Begrifflichkeit jener Zeitläufe so unzulänglich machen. Gläubigkeit hin, Aufklärung her, der Betrug mit den Reliquien war offensichtlich und das Geschäft mit dem Aberglauben unübersehbar. „Von neunzehn überprüften Heiligen existierten in Kirchen und Kapellen 121 Köpfe, 136 Leiber und eine Fülle anderer Glieder. Der heilige Erzmärtyrer Stephanus besaß einmal dreizehn Arme, der Apostel Philippus ein Dutzend, der heilige Vinzenz zehn, der Apostel Andreas 17. Die heilige Agatha soll ähnlich aufgeteilt sein: Ihre Brüste, angeblich um 251 n.Chr. schwer gefoltert, sind noch in Catania, Rom, Paris, Capua als Reliquien vorhanden.“ (Horst Hermann, „Lexikon der kuriosesten Reliquien“, Berlin 2003, S. 140). Was diese Seltsamkeiten nicht in der Lächerlichkeit oder der reinen Geschmacklosigkeit belässt, war der Gewinn, den man aus ihnen zog. Mittels des Ablasses ließen sich Unsummen von Einkünften erreichen. Was war denn der Ablass? Ausgehend von der Vorstellung, dass der Mensch nach seinem Tode in den seltensten Fällen gleich in den Himmel oder die Hölle kam, und dass fast alle erst in das Fegefeuer mussten, bot sich die Überlegung an, durch die Fürsprache der Heiligen, die ja in den Reliquien präsent waren, jenen möglichen Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Um das für die Gläubigen abzusichern, war eine Bezahlung von Nöten. Damit war die Handelsgrundlage gegeben: Geld für den Ablass, das hilft dem Nachlass der Sünden zur Verkürzung des Fegefeueraufenthalts. Diese Praxis schuf die Grundlage für ein Finanzierungssystem, mit dem sich vielerlei erreichen ließ. Der gesamte Kirchenbau des Mittelalters wurde damit zu einem guten Teil erst ermöglicht, aber auch viele andere kirchliche und vor allem päpstliche Unternehmungen wurden davon getragen. Auch weltliche Fürsten griffen gerne auf die Ablasspraxis zurück, um ihren zweit- oder drittgeborenen Kindern eine standesgemäße kirchliche Stellung zu ermöglichen. Das eintrainierte Sündenbewusstsein der Menschen und ihre Sehnsucht nach Erlösung trieb Unmengen Geld in die Ablasskassen. Seltsamerweise war es nicht nur die systematische Verblödung des Volkes, wie man heute etwas unscharf sagen würde, die das ermöglichte, sondern es waren auch gebildete Menschen, die dem Reliquienkult anhingen. Zwei Beispiele aus der späten Zeit des Mittelalters können dies verdeutlichen. Zunächst war es Friedrich der Weise (1463-1525), Kurfürst von Sachsen, Schutzherr Martin Luthers, hoch gebildeter Humanist und unbeirrbarer Katholik, der eine der größten Reliquiensammlungen überhaupt anlegte, und zwar für die Reliquienkapelle zu Wittenberg. Dies geschah zur gleichen Zeit, als sein Schützling Luther auf das Heftigste gegen jede Reliquienverehrung wütete. „Der Geheimsekretär des Kurfürsten, Georg Burckhardt aus Spalt bei Nürnberg, verständnisvoller Anwalt Luthers am kursächsischen Hof, verschaffte seinem Fürsten die seltsamsten Reliquien für die Allerheiligenkapelle und führte Buch über das Anwachsen der Sammlung: Von 5262 Stücken im Jahr 1513 steigerte sich die Sammlung auf 17443 im Jahr 1518 und erreichte ihren Höhepunkt 1520 mit 18970 Teilen. Die auf diesen liegenden Ablässe betrugen insgesamt 1.902.202 Jahre und 270 Tage.“ (o.a. Lexikon, S. 176) Wie kann ein Mann, ohne den Martin Luther nie seine Reformation hätte durchziehen können, zur gleichen Zeit einen solchen Reliquienkult betreiben, der gerade der Hauptauslöser für das Reformations¬bestreben war? Einen anderen Fall hatten wir bei einer Fahrt des Kunstkreises nach Aschaffenburg in der Ausstellung „Cranach im Exil“ kennen gelernt: Albrecht von Brandenburg, 1490-1545, Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Erzbischof von Magdeburg, Bischof von Halberstadt, Kardinal – alles Positionen, die zusammen genommen und in Anbetracht des jugendlichen Alters des Fürsten teuerste Dispense von Nöten machten – und dadurch Feindbild Martin Luthers geworden, hatte in Halle an der Saale eine Bettelordenkirche zu einem Heiltum umgewidmet. Es waren nicht nur Dutzende von Altären, teilweise von Grünewald und vor allem von Lukas Cranach geschaffen, sondern es war die Anzahl von Reliquien, die die unglaubliche Zahl von Ablässen einbrachten, die sich auf 39 Millionen Jahre erstreckten. Der Aberglaube scheint keinen Boden zu haben und keine Grenzen zu besitzen. Dies gilt besonders für die Vorhaut Jesu, das praeputium, Lukas 2,21 berichtet von der Beschneidung des Knäbleins. Mittelalterliche Theologen haben sich tatsächlich mit der Frage beschäftigt, ob Christus mit oder ohne Vorhaut in den Himmel aufgefahren sei. Grund genug, nach einer solchen Reliquie zu suchen, man wurde fündig, und das dreizehn Mal. Zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass der Vatikan 1900 die Verehrung der Vorhäute verboten hat; in Aachen, das eine solche besitzt, war man darüber bestimmt traurig. Sollen noch die unzähligen heiligen Blutreliquien, Hostienwunder und dergleichen angeführt werden? Ich möchte den Ausflug in die Welt des Aberglaubens mit der Erwähnung einiger besonderer Ausstellungsgüter der Halleschen bzw. Wittenbergischen Reliquiensammlungen beenden: das Fett des heiligen Laurentius, das bei der Bratfolter vom Rost getropft sein soll, das Wachs von der Sterbekerze Mariens, die ägyptische Finsternis in Flaschen, der Atem Jesu, der Kot der Palmeselin, auf der Jesus nach Jerusalem geritten ist, und zum Schluss: Eier und Federn des Heiligen Geistes. Die letztgenannten Reliquien aus der Halleschen Sammlung befinden sich nunmehr in Mainz. – Ich glaube nicht, dass man sie zu sehen bekommt. Dr. Manuel Tögel (2007) Unitarische Freie Religionsgemeinde K.d.ö.R., Frankfurt am Main (gegr. 1845)


Zitate aus dem “Pfaffenspiegel”

S. 10f : Die Kirche blieb nicht zurück. Die alten und bereits beiseite gestellten Dogmen und Reliquien wurden aus der römischen Rumpelkammer wieder vorgesucht, und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten Jahrhunderts die gläubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen Rock Christi anzubeten. Die Rockfahrt nach Trier empörte selbst die gebildete katholische Welt. In den von Robert Blum inspirierten sächsischen Vaterlandsblättern erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine große Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch bedeutendere Folgen gehabt haben würde, wenn die Leiter derselben ihrer Aufgabe mehr gewachsen gewesen wären. Sie hatten guten Willen, aber zu wenig Talent. Ich teilte die Hoffnungen vieler und beschloß, mein Teil zur Erfüllung derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien hatten mich mit Dingen näher bekanntgemacht, welche dem Volk von den seine Erziehung eifersüchtig bewachenden Priestern sorgfältig verhehlt oder nur verstümmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden. Ich hatte die Schriften der “Kirchenväter” und die der geachtetsten Kirchenschriftsteller zu lesen, und je mehr ich las und forschte, desto mehr wurde mir die Nichtswürdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar, welches die römische Kirche an der Menschheit verübt hatte, desto mehr erstaunte ich über die unerhörte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein, daß die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in der Kirche wurzelte und daß all unsere Bestrebungen zur Freiheit ohnmächtig sein würden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte. S. 90:. Solcher ungenähter Röcke zeigte man eine ganze Menge, unter anderm zu Trier, Argenteuil, St. Jago, Rom und Friaul usw. Die größte Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstücks in Trier im Jahre 1845, welche die ganze gebildete Welt empörte, veranlaßte eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke, und es erschienen mehrere darauf bezügliche Broschüren, die noch im Buchhandel zu haben und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Röcke haben eine wohlbezahlte päpstliche Bulle für sich, in denen ihre Echtheit bezeugt ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Bestätigung der Echtheit mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug. S. 98f: Seitdem ist aber viel an diesem Loch (gemeint das Loch im Glauben, das durch die Reformation gerissen wurde) geflickt worden, und dieser geflickte Glaube zeigte sich fast stärker als selbst im dunkelsten Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maßregel, die Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen erlebten wir es, daß noch im Jahre 1844 eine Million Wallfahrer nach Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu küssen, der für den Leibrock Jesu ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuze würfelten. Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier großes Ärgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr gelehrte und verständige Männer gaben sich die eigentlich überflüssige Mühe, nachzuweisen, daß dieser “heilige Rock” nichts vor den noch existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafür brachten die Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es nicht für nötig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren. S. 100: Der Erzbischof Arnold von Trier geriet in nicht geringe Verlegenheit, als ihm von zwei Gegenpäpsten zwei Pallien zugeschickt wurden, natürlich mit doppelter Rechnung. Wie er sich aus der Verlegenheit zog, weiß ich nicht, vielleicht durch den heiligen Rock. Sein Nachfolger, Bischof Arnoldi, der 1844 diesen alten Kittel ausstellte, wäre sicherlich nicht um lumpige 60 000 Gulden in Verlegenheit gewesen. Eine Million Wallfahrer, jeder taxiert zu fünf Silberlingen, macht 166 0666 Taler preußisch Kurant oder 300 000 Gulden. Otto von Corvin: Der Pfaffenspiegel, 1845


Wunder aufs neue?

Ach, was leben wir doch in schönen Zeiten oder nicht?  Es wird wieder heilig gesprochen, dazu  bedarf es natürlich einiger Wunder, und das, was schon heilig ist, bleibt auf jeden Fall wunderbar oder doch eher wunderlich? „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“ Ich liebe dieses Zitat aus dem Faust, aus jener Szene, als Faust durch Chorgesang von seinen Selbsttötungsvorbereitungen abgelenkt wird. Natürlich kommt gleich darauf das erste Wunder, Mephisto erscheint und er ist es, der von da an im Drama die Wunder fabriziert. Vielleicht sollte die katholische Kirche genauer die deutschen Klassiker lesen, bevor sie weiter auf Wunder setzt, um heilig zu sprechen oder Hoffnung macht durch Ausstellung von Reliquien, die ihren „Wert“ (in barer Münze) auch erst durch Erzeugung von Wunder gewinnen. Naturwissenschaften kennen keine Wunder. Außergewöhnliche, vorläufig unerklärliche Ereignisse sind nicht Verstösse gegen Naturgesetze. Sie sind eher Hinweise auf Lücken in den bisherigen Theorien, die ergänzt bzw. genauer gefasst werden müssen. Da Naturwissenschaften mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, bedeutet das ferner, dass auch das unwahrscheinlichste Ereignis, sofern sein Wert nur minimal über Null liegt, morgen schon eintreten kann. Dass wir zwei GAUs bei Atomkraftwerken innerhalb 25 Jahren erlebten, schwerere Störfälle unterhalb der GAU-Stufe noch mehr, zeigt, wie wenig Aussagen wie: sowas kann einmal in 100 000 Jahren passieren, hilfreich sind. Nicht umsonst verzichten Wissenschaftler inzwischen auf derartige Aussagen. Ähnliche unerklärliche Geschehen vor allem im Bereich von Heilungen (wo bei Krebs etwa von sogenannten Spontanheilungen gesprochen wird) gelten allerdings bis heute als Wunder. Andere Wunder, bzw. Ereignisse, die als solche bezeichnet werden, sind etwa die Rettung aus Notlagen entgegen der Wahrscheinlichkeit, z.B.  wird nach einem Erdbeben nach 10 Tagen noch jemand lebend aufgefunden. Über eine weitere Wunderkategorie dürfen alle Menschen (zumindest die mit Internetzugang) sogar inzwischen abstimmen. Hier handelt es sich um herausragende kulturelle Schöpfungen oder Naturphänomene, die gemeinhin als Weltwunder bezeichnet werden. Die Antike kannte nur sieben, heute dürfen es schon deutlich mehr sein, immerhin hat sich die Welt, die wir im Blick haben, seit der Antike deutlich vergrößert. Diese letzte Kategorie spielt aber im Bereich des Religiösen keine Rolle. Dort sind jene unerklärlichen Ereignisse wie Spontanheilungen und Rettungen gefragt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich dabei der Wunderbegriff auf positive Ereignisse eingegrenzt hat. Noch im Mittelalter war der Blitzschlag, der einen bösen Menschen traf, auch ein Wunder. Heute wird nur noch das Positive als solches gezählt. Korrekt besehen kennen Hochreligionen wie Buddhismus oder die monotheistischen Religionen keine Wunder als Zeichen des Heiligen mehr, denn ihr Glaube an Gott (in den monotheistischen Religionen) muss unabhängig sein von irgendwelchen Zeichen ihres Gottes. Aber die wenigsten Gläubigen leben nach solch strengen Lehren. In den meisten Religionen verankern Menschen im Alltag ihren Glauben noch gerne über Wunder und werden dafür getadelt. Nicht alle Religionen sind da so „offen“ für den gewöhnlichen Gläubigen wie der Katholizismus, der sich explizit mit Wundern beschäftigt. Er braucht sie ja auch als Anlass zur Selig- und Heiligsprechung, denn diese sind ohne nachgewiesene Wunder nicht vorzunehmen. Die Bedingungen für das, was als Wunder durchgeht, sind streng, allerdings widersprüchlich. Die Faszination durch Wunder heute Wir wissen heute mehr über die Welt als früher, die Vorstellungen der Wissenschaften sind überallhin vorgedrungen, wissenschaftliches Denken und Arbeiten werden inzwischen sogar im Kindergarten gefördert. Und doch ziehen Blutwunder (die angebliche Verwandlung von festem getrockneten Blut ins flüssiges) bis heute die Massen an, wurden vor nicht wenigen Jahren Tausende Liter Wasser aus einer angeblichen Wunderquelle abgezapft, bis diese geschlossen wurde. Das geschah in Deutschland, nicht in einem Land der Dritten Welt, in dem Analphabetismus und mangelnder Bildungszugang vieler solches Handeln eher erwarten ließe. Ist es der Rest des Unerklärlichen, das Menschen an sogenannten Wundern fasziniert oder die Hoffnung, ihnen könne im vergleichbaren Falle auch so ein Wunder zustoßen? Oder brauchen sie Wunder als Abwehr allzu sachlicher Erklärungen, als Zeichen eines „Behütetseins“ in der Welt? Wahrscheinlich suchen Menschen da von allem etwas. Zu beobachten ist, dass es vor allem Krisensituationen sind, in denen Menschen auf Wunder hoffen. Schwere Erkrankungen, Tod nahestehender Personen, Zerbrechen von Familien, Arbeitslosigkeit, bedrohliche Naturereignisse, die Hab und Gut  und Angehörige nehmen, in solchen Zeiten blühen die Wunder und die Suche nach ihnen. Es tröstet, dass wenigstens ein Mensch bei einem schweren Erdbeben gerettet werden kann. Aber was ist mit all den anderen, für die Hilfe zu spät kam? Wurden sie nicht „behütet“ oder hatten sie was angestellt? Oder bei einem Bergwerksunglück in Chile wurden alle verschütteten Bergleute gerettet, auch ohne Hinweis, ob die einen gut lebten, die anderen schlechte Menschen waren, und da war es die menschliche Ingenieurskunst und der Durchhaltewillen der Verschütteten, die sie wieder ans Tageslicht brachten. Ein Wunder? Nicht nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit. Nun werden bei der neuen Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier keine Wunder versprochen oder gar erwartet, aber so heißt es in der Ankündigung , man glaube darauf dass auch heute Jesus „erlösend und heilend am Werk“ sei. Die Einheit der Christenheit ist dabei das Ziel laut Kirchenoberen, aber was ist mit den einzelnen Personen, die sich auf den Weg machen aus allen möglichen schwierigen Situationen heraus? Ich erinnere mich nach einer freireligiösen Radioansprache erhielt ich einen Anruf. Genau erinnern an das Thema kann ich mich nicht mehr, da ich die Aufnahme immer ein paar Tage zuvor abliefern muss, aber der Anruf prägte sich mir ein. Ein Mann rief an, der nach seinem Bericht plötzlich blind und gelähmt wurde, ohne Hoffnung durch die Ärzte auf eine Heilung, und der selbst weiter an einer möglichen Genesung festhielt, alle Wallfahrten mitmachte und auf ein Wunder hoffte, seine Umgebung mit ihm. ER bedauerte mich, da ich mich in der Senund als Nicht-theistin und Humanistin bezeichnete hatte, wie ich denn ohne einen solchen Glauben überhaupt leben können. Im Gespräch wurde mir deutlich, dass er auch aus seiner grausamen Situation mehr machen könnte als er tat, aber dass ihn die Wunderhoffnungen dort festhielten und ihm nicht aus seiner Grundverzweiflung heraus halfen. Mein Verzicht, in einem Gottesglauben Zuflucht zu suchen, hatte ihn erschüttert. Ähnliche Gespräch gibt es immer wieder, und jedes Mal ist zu spüren, dass dahinter eine Verweigerung liegt, die gemachte Erfahrung von Krankheit, Leiden, Verlust und Tod anzunehmen und sich darauf einzustellen, sondern dass nur die Wiederherstellung der alten Situation interessiert. Diese Verweigerung hat individuelle und soziale Ursachen. Wenn einzelne auf Wunder hoffen hängt das mit auch mit ihren eigenen Unsicherheiten zusammen, mit einem negativen Selbstbild, und diese sind viel schwerer zu ändern als eine positive Sicht der eigenen Person. Das hört sich verrückt an, weil man doch meint, Minderwertigkeitsgefühle udn Angst wären doch alle gerne los, aber Menschen mit negativem Selbstbild akzeptieren auch negative Erfahrungen viel leichter als positve, denn die passen zu ihnen. Es fällt schwer, an grundlegenden Selbstbildern etwas zu ändern. Wer dazu noch gelernt hat, dass Hilfe vor allem von außen kommt und nicht von einem selbst, ist für Wunder deutlich anfällig. Das Wunder und die religiöse Sozialisation Wer gelernt hat, dass Erlösung von außen kommt, wie Religionen mit einem transzendentalen Gottesbild lehren, braucht Wunder mehr als Menschen, die von sich erwarten, wenigstens ein bisschen an einer Situation selbst etwas ändern zu können, oder die sich sagen, wie viele ältere freireligiöse Mitglieder dies tun: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“. Aber warum jetzt noch Wunder erwarten? Nun ist die religiöse Sozialisation bei weitem nicht mehr so stark wie noch vor wenigen Generationen, aber die Begeisterung  für Wunder ist geblieben. Warum? An der grundlegenden Situation der Menschen hat sich nichts geändert. Sie werden krank, sterben, verlieren Angehörige durch Tod, erleben Konflikte und Trennungen, verlieren Arbeit werden von Naturereignissen um ihren Besitz gebracht wie eh und je. Sie hören große Worte von wissenschaftlichen Fortschritten, erfahren aber ihr Ausgeliefertsein vielleicht vor diesem Hintergrund noch schärfer, auch durch die menschlichen Fehler, die im Umgang mit der Natur gemacht werden. Sie verinnerlichen den gesellschaftlichen Mythos, dass jeder seines Glückes Schmied sei, beobachten auch manches entsprechende Beispiel, erleben aber für sich selbst viel öfter, dass sie an Grenzen stossen, eigenen wie von anderen gesetzte. Um sie herum wird von großen Bedrohungen gesprochen: Umweltkatastrophe, Finanzkrise, Bevölkerungsexplosion und viel fragen, was das eigene Handeln denn angesichts der Größe der Probleme überhaupt bewirken könne. Die persönliche Sicherheit des einzelnen ist erheblich gewachsen. Umso unerträglicher sind die verbleibenden Sicherheitsrisiken. Da diese teilweise nie zu beseitigen sind, bleibt nur die Aussicht auf Wunder. Je unverständlicher die Welt wird in der rationalen Erklärung, umso bereitwilliger öffnen sich viel der Irrationalität. Je größer die Versprechen der Gesellschaft werden auf Glück, und je größer die Anstrengungen des einzelnen dabei werden müssen, um mitzuhalten, umso mehr entlastet die Aussicht auf Wunder. Außerdem schafft Wunderglaube Gemeinschaft. Sich zu Hunderten, Tausenden einzufinden, um auf eine Marienerscheinung zu warten,  Quellwasser abzuzapfen, macht deutlich, dass man nicht allein ist. Es erhebt, Teil einer gleichgesinnten Menge zu sein. Oft erlebte häusliche Einsamkeit und Verzweiflung werden durchbrochen, Ichgrenzen im Bad der Menschen schwächer, Empfindungen stärker, sonst nicht zu erfahrende Gefühle von Entzückung und Begeisterung können erlebt und dürfen ausgedrückt werden. In einer Gesellschaft, in der so vieles nur Erlebnisse aus zweiter Hand darstellen, stellen Wunder scheinbar harmlose Möglichkeiten zu intensivem Gefühlserleben dar. Harmlos? Sie können bei Ebay Toasts mit Wunderabbildungen von Jesus oder Maria ersteigern, Sie können sich von Pastoren Wundermittel kaufen zur Stärkung der Gesundheit. Sie können viel Geld für leere Versprechen ausgeben. Sie können die Augen vor dem Restrisiko unseres Lebens, dem Tod schließen und sich einfrieren lassen, in der Hoffnung, dass jemand das Wunder der Auferstehung an Ihnen nachvollzieht. Es belastet zuerst einmal Ihren Geldbeutel, aber belasten solche vergeblichen Hoffnungen nicht auch Ihr Leben? Verschließt man nicht auch die Augen vor den Möglichkeiten, die noch gegeben sind, und was nutzt die Suche nach einer Heilung anderswo, wenn zu Hause doch wieder nur die Einsamkeit wartet? Auch da gibt es vielleicht mehr Menschen, mit denen man gemeinsam etwas tun kann als gedacht.  Vor Ort sind die Lebensmöglichkeiten, die Wunder täuschen nur vor, es hätte sich etwas geändert, wenn alle sdoch gleich geblieben ist. Ist Ihnen nicht Ihre Kraft für solche „Hoffnungen“ zu schade? Und zum Staunen und Wundern gibt es genügend Gelegenheiten, wenn Sie einfach mal nach draußen gehen, Kindern zusehen, ein Blatt beobachten, wie es in der Sonne leuchtet, oder beim Regen glänzt. Renate Bauer Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz K.d.ö.R.


„Wir sind das Wunder!“

„…Motten können in den heiljen Rock eijentlich jar nich reinkommen, denn, des wissen Sie ja, die Motten dränglen sich immer blos dahin, wo Licht is.“ Aus: Herrn Buffey’s Wallfahrt nach dem heiligen Rocke,  von Adolf Glaßbrenner alias Brennglas (1810-1876), Berliner Satiriker, 1845 Die Freireligiösen Gemeinden und der „Heilige Rock“ zu Trier Hintergründe und Funktion eines Schauspiels I.  Worte werden zu Fleisch Was eine Zeitlang wie Fabel, wie Mähre an unser Ohr geklungen, dass der Bischof Arnoldi von Trier ein Kleidungsstück, genannt der Rock Christi, zur Verehrung und religiösen Schau ausgestellt, Ihr habt es schon gehört, Christen des 19. Jahrhunderts, Ihr wisst es, deutsche Männer, Ihr wisst es, deutsche Volks- und Religionslehrer, es ist nicht Fabel und Mähre, es ist Wirklichkeit und Wahrheit. Denn schon sind, nach den letzten Berichten, fünfmalhunderttausend Menschen zu dieser Reliquie gewallfahrtet, und täglich strömen andere Tausende herbei, zumal, seitdem erwähntes Kleidungsstück Kranke geheilt, Wunder gewirkt hat. Die Kunde davon dringt durch die Lande aller Völker, und in Frankreich haben Geistliche behauptet: „Sie hätten den wahren Rock Christi, der zu Trier sei unecht.“ Wahrlich, hier finden die Worte Anwendung: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieren kann, hat keinen zu verlieren.” Fünfmalhunderttausend Menschen, fünfmalhunderttausend verständige Deutsche sind schon zu einem Kleidungsstücke nach Trier geeilt, um dasselbe zu verehren oder zu sehen! Die meisten dieser Tausende sind aus den niederen Volksklassen, ohnehin in großer Armut, gedrückt, unwissend, stumpf, abergläubisch und zum Teil entartet, und nun entschlagen sie sich der Bebauung ihrer Felder, entziehen sich ihrem Gewerbe, der Sorge für ihr Hauswesen, der Erziehung ihrer Kinder, um nach Trier zu reisen zu einem Götzenfeste, zu einem unwürdigen Schauspiele, das die römische Hierarchie aufführen lässt.  Ja, ein Götzenfest ist es, denn viele Tausende der leichtgläubigen Menge werden verleitet, die Gefühle, die Ehrfurcht, die wir nur Gott schuldig sind, einem Kleidungsstücke zuzuwenden, einem Werke, das Menschenhände gemacht haben. Kritische Worte von Johannes Ronge, kath. Priester zu Laurahütte in Oberschlesien, geschrieben am 1. Oktober 1844 in seinem „Sendschreiben“ an den Trierer Bischof Wilhelm Arnoldi gegen die Ausstellung des Heiligen Rockes im Trierer Dom, die damals vom 17. August bis zum 6. Oktober stattfand. Der Inhalt und die von Ronge gewählte Form des Offenen Briefes bewirkten eine kirchenpolitische Sensation und schließlich die Gründung der neuen Religionsgemeinschaft der „Deutschkatholiken“. Schon vor Beginn der Wallfahrt und Monate vor dem Protest Ronges hatte in Leiwen an der Mosel nahe Trier der dort amtierende katholische Pfarrer Licht, unter Verschweigen seines Namens, den Reliquienkult und die geplante Wallfahrt in einer anonymen Druckschrift kritisiert. Er geriet jedoch bald in Verdacht, der Autor zu sein. Der Hl. Rock – nur sechsmal ist er in den vergangenen zwei Jahrhunderten ausgestellt worden, immer verbunden mit einer generalstabsmäßig organisierten Massenwallfahrt, zum letzten Mal 1996. Der Hl. Rock ist für uns Freireligiöse eine Herausforderung. Es gibt in Trier zwar keine Freireligiöse Gemeinde, aber hier im Schrein der Hl-Rock-Kapelle im Dom liegt die wichtigste äußere Ursache für die Gründung unserer Vorläufer-Gemeinden, der Deutschkatholiken im Jahre 1845, deren Rechtsnachfolge wir ja als Freireligiöse Gemeinde einst angetreten haben. Die Wallfahrt im Jahre 1844 fällt in eine Zeit, in der sich die religiöse Welt politisiert und in der Politik sakrale Töne angeschlagen werden. Das Verhältnis zwischen preußischem Staat und Kirche spielt dabei eine besondere Rolle, die es zu untersuchen gilt. Daneben stellt sich sowohl die Frage nach der Herkunft und Echtheit des Hl. Rockes als auch nach seiner Funktion für die Massen der Gläubigen und die soziale Ordnung jener Zeit. Wir Freireligiösen wissen, dass die Kirchengeschichte lange Zeit die Geschichte der Kirche war. Wir aber müssen, trotz mancher Fortschritte auf dem Gebiet der (freireligiösen) Geschichtsschreibung, immer weiter selbst unsere Entstehung und Entwicklung im Auge behalten, uns an die Vergangenheit annähern und diese im Rahmen einer eigenen Erinnerungskultur vergegenwärtigen. Die eigenen Nachforschungen zu vertiefen und zu erweitern – das heißt:  Die ganze Kirchengeschichte muß zur Religionsgeschichte ausgeweitet und mit moderner Sozialgeschichte verknüpft werden. Die Wurzeln unserer freireligiösen Historiografie reichen weit zurück und liegen dicht an den aktuellen Geschehnissen jener Zeit von 1844/45 bis 1848. Prediger Ferdinand Kampe spricht in seiner Darstellung der neueren religiösen Bewegungen der Zeit – gemeint ist besonders der Deutschkatholizismus – vom Hl. Rock als “realisiertem Phantasieprodukt“. Warum pilgerten aber mehr als eine halbe Millionen Menschen – auch aus dem benachbarten Ausland -  überwiegend zu Fuß nach Trier? Was trieb sie an und wieso waren es in den nachfolgenden Wallfahrten gar mehrere Millionen? Um diese Fragen geht es im Folgenden, doch zunächst zum aktuellen Geschehen. II. Mission im eigenen Land Schon in der Sichtweise der vorreformatorischen katholischen Kirche war der Rock ein „Symbol der Einheit“ des Christenheit -  1512 erstmals öffentlich auf Betreiben Kaiser Maxilimians I. anlässlich eines Reichstages in Trier gezeigt. Das Volk habe es so gewollt. Im Jahre 2012 will die katholische Kirche nicht nur der 500jährigen Wiederkehr dieses Ereignisses gedenken, sondern sie plant auch bereits seit langem, diese außergewöhnliche und vollkommen aus dem Rahmen fallende einzigartige Wallfahrt wieder in ein internationales Medienereignis zu verwandeln, das auch die deutsche Gesellschaft beeindrucken und ihre Leitkultur nachhaltig beeinflussen soll, dies in einer Zeit, in der die Kirchenskandale und Mißbrauchsfälle noch in frischer Erinnerung sind. Die Wallfahrt dient also nicht zuletzt der Image-Pflege! Der Trierer Bischof Marx hatte bereits am 30. April 2007 eine erneute Zeigung des Rockes angekündigt, mit dem Ziel „das Volk Gottes neu zu sammeln für eine wirkliche Neu-Evangelisierung unseres Landes“ (Zit. in der Nahe-Zeitung Nr. 100, 30.4.2007) Seit Beginn des geistlichen Vorbereitungsjahres im Mai 2011 wird besonders in den kirchlichen Medien – vor allem auf den Internet-Seiten des Bistums Trier – auf das Großereignis hingearbeitet, für das 2.500 Helfer gesucht werden. Zur Einstimmung diente auch die Bundesgartenschau „Buga“ in Koblenz. Hier war die Kirche mit einem Stand und Kunstwerken zum Thema Hl. Rock präsent.  Auch in kath. Pfarreien ist der Hl. Rock ein wichtiges Thema, das durch die Trierer Wallfahrtsleitung mit Msgr. Bätzing an der Spitze bedient wird. Das Bistum Trier berichtet auf seinen Internet-Seiten fortlaufend darüber „dass Jesus Christus auch heute am Werk sei und Wege zur Einheit weise. Bätzing erklärte, rasante Veränderungen hielten Kirche und Gesellschaft in den Jahren seit der letzten Wallfahrt 1996 in Atem: ‘Der Blick in die Zukunft ist gerade für junge Menschen mit größerer Unsicherheit verbunden als vor der Jahrtausendwende, auch weil uns durch die Finanz- und Wirtschaftskrise die globalen Abhängigkeiten und Verflechtungen sehr real betreffen. Ein neuer Atheismus erhebt selbstbewusst seine Stimme und respektiert offenbar keine Grenze mehr. Die Lage der Kirche hat sich erheblich gewandelt.‘ Die Heilig-Rock-Wallfahrt könne in dieser Situation als Chance verstanden werden, sagte Bätzing.“ Die Entstehung der Deutschkatholiken – in bewußter Abgrenzung und Trennung zur römisch-katholischen Kirche – fällt in eine Zeit brennender Probleme, denn nationale Fragen, wirtschaftliche Krisen und soziale Unruhen verbinden sich mit religiös-weltanschaulichen Grundsatzdebatten und bilden bereits ein explosives Gemisch unmittelbar vor der Revolution von 1848. In diesen Jahren gärt und rumort es im Bauch der Kirche. Besonders viele Geistliche aus dem unteren Klerus, aber auch Universitätstheologen  sind im „Vormärz“ mit den Zuständen in ihrer Kirche unzufrieden und fordern Reformen, darunter auch die Abschaffung des Zölibats. Außer einem Bild des „Wallfahrtskritikers Johannes Ronge“ auf einem Seidentuch mit dem Offenen Brief sehen wir auf den katholischen Internet-Seiten des Bistums Trier dazu nichts. Die nicht kirchenoffiziellen „katholischen nachrichten“ im „kreuz.net“, die bereits in Zusammenhang mit der PIUS-Bruderschaft gebracht wurden, bemerken dagegen: Die damalige antikirchliche Publizistik der Spätaufklärung kaprizierte sich auf einen angeblichen Götzendienst um den Heiligen Rock in Trier – „gleich, ob er echt oder unecht sei“. Johannes Ronge († 1887) – ein abgefallener Priester – der später die „deutsch-katholische Kirche“ gründete, rief zum Kampf gegen die „tyrannische Macht der römischen Hierarchie“ auf. Diese fördere mit der Wallfahrt „Aberglauben und Werkheiligtum, Ablaßkram und Rosenkranzfrömmigkeit“. Gegen den Vorwurf, die Pilger würden die Reliquie anbeten, schrieb ein an der Wallfahrt beteiligter Volksschullehrer aus dem Westerwald in seine Schulchronik: Die „Wallfahrer schauen und verehren das Gewand, das der getragen hat, welcher alle durch sein Leiden aus der Knechtschaft der Sünde befreite. Sie glauben an den, der es vor 1800 Jahren getragen hat.“ Dagegen wiederholte die linke Publizistik mit Karikaturen und Schmähschriften die abgeschmackten Aufklärungsthesen von Priesterbetrug, Spendenausbeutung und Vortäuschung von Wunderheilungen. „kreuz.net“ kritisiert also die Spätaufklärung und deren Kinder. Wir sehen daraus, dass es in gewissen katholischen Kreisen und finsteren Medien im Jahre 2011 immer noch an einer Früh-Aufklärung mangelt, die dort auch niemals eintreten wird – im Gegenteil. III. Gottes Land und der Abfall Die Freireligiösen und ihre Vorläufer, die Deutschkatholiken, waren Kinder der Aufklärung und als solche der neuen Philosophie  gegenüber aufgeschlossen, die von außen Kritik an der Kirche und der Religion des Christentums äußerte, vor allem eben durch Philosophen und Theologen wie Ludwig Feuerbach („Im Gebet betet der Mensch sein eigenes Wesen an.“) oder David Friedrich Strauß. Dazu Stimmen aus den „katholischen nachrichten“ „ kreuz.net“ 2011: Der Ideologe Ludwig Feuerbach († 1872) hatte kurz vorher Gott zu einer Projektion des Menschen erklärt. Der Dichter Heinrich Heine († 1856) verklärte in seinen pantheistischen Lustträumereien die Erde zum alleinigen Paradies. Der Theologe David Strauß († 1874) verbannte die Person des Wunderheilers Jesus von Nazareth in den Bereich des Mythos. Die Kirche maß dem Trierer Land und der Diözese schon seit alters her eine besondere Bedeutung zu, denn „das Trierische“ mit dem ältesten Bischofssitz auf deutscher Erde galt gar als „heiliges Land, von Gottes Erlösergnade väterlich gehütetes Land“, ja als „Eingangspforte des Evangeliums Jesu Christi auf dem Boden heutigen Deutschlands“, wie der Päpstliche Nuntius Pacelli 1927 anlässlich eines Besuches euphorisch formulierte. Im Trier der Spätantike „waltete die mütterliche Hand der hl. Kaiserin Helena“ (Bischof Bornewasser 1932), der das Bistum viele kostbare Reliquien verdankte, vor allem das „Kleinod“ des Rockes des Herrn. Und so begriff sich die Kirche als Hüterin des hl. Landes in der Tradition von Märtyrern und Bekennern, die das Erbe des Glaubens an ihre Kinder weiterzugeben hatte. Noch heute sind in den Moselorten nahe Trier viele Straßen nach Personen der Frühgeschichte des Christentums benannt. Die „Abfallbewegung“ der Deutschkatholiken Ronges und seine „Judasarbeit“ findet nicht nur in manchen älteren kirchlichen Gesamtdarstellungen der Hl. Rockwallfahrten negative Erwähnung -  wie z.B. bei Domkapitular Kammer im Hl. Jahr 1933 -  sondern die Vertreter des Rationalismus und Gegner der übernatürlichen Offenbarung werden auch in rechtskatholischen Polemiken unserer Tage herausgehoben, während die offiziellen Bistumsseiten im Internet diese Folgen der Ereignisse von 1844 ausblenden, obwohl der Abfall vom Glauben die schlimmste Form der Ketzerei ist. Der Hl. Rock wird 2012 vom 13. April bis 13. Mai 2012 wieder ausgestellt. Seit dem 6. Mai 2011 läuft das „geistliche Vorbereitungsjahr“ mit zahlreichen Aktivitäten um die „Kernbotschaft“ der Kirche. Damit ist die heiße Phase für die Hl-.Rock-Wallfahrt eingeleitet. Zu diesem internationalen Medien-Ereignis sind auch die orthodoxen und protestantischen Christen eingeladen. Die „Ökumene“ aber ist längst nicht überall in der kath. Kirche gern gesehen. Und was werden die Protestanten 2012 tun, zumal Martin Luther selbst seinerzeit den Wallfahrtsrummel als „große Bescheyßerei, als Teufelsmarkt zu Trier“ verdammt und das Ganze als „ein verführlich, lügenhaft und schändlich Narrenspiel“ bewertet hat? IV. Frischer Wind im „Leib Christi“ Papst Leo X. hatte im Jahre 1515 bestimmt, den Rock alle 7 Jahre auszustellen und zum Wallfahrtsziel zu machen, verbunden mit großzügigen Ablässen für die Pilger. Schon der Humanist Ulrich von Hutten hatte den Rock als altes, lausiges Wams verspottet, und als die dann die Reformation ihren Siegeszug antrat und die katholische Kirche erschütterte, wurde das Vorhaben des Papstes zunächst durcheinandergebracht. Erst die Gegenreformation und die Wiederherstellung der kath Kirche im Trierer Kurstaat führt dazu, dass der Rock 1585 wieder für die Öffentlichkeit  gezeigt wird, unterstützt von den Jesuiten, die seit 1560 in Trier ein Kolleg unterhielten. Damals also gab es einen aktuellen Grund, die Wallfahrt zu veranstalten. Die kath. Kirche hatte eine existentielle Krise überwunden und siegreich überstanden. Zur Sammlung der Gläubigen diente der Hl. Rock – als Symbol der Einheit. Macht und wiedergewonnene Stärke  der Kirche sollten öffentlich demonstriert werden. Diese Generallinie prägt auch die nachfolgenden Jahrhunderte bis heute, und damit erklärt sich seltene Ausstellung, die nur alle Jahrzehnte stattfindet. Das Beispiel des Jahres 1810 ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg dieser azyklischen Wallfahrtstradition. Die Große Französische Revolution hatte die Kirche bis ins Mark getroffen. Der Rock war deswegen an verschiedenen Orten, u.a. auf dem Ehrenbreitstein, versteckt worden. Dazu kam die Säkularisation, die die Klöster auflöste, Orden verjagte, Güter und Kirchenbesitz beschlagnahmte. Die geistlichen Herrschaftsgebiete wurden zunächst einmal enteignet – durch Beschluß der deutschen Fürsten anno 1803. Die Rückführung des Hl. Rocks von Koblenz nach Trier 1810 aber wurde zu einer triumphalen öffentlichen Demonstration für den Wiederaufbau der kath. Kirche nach einem bedrohlichen und krisenreichen Zeitabschnitt. Was aber war nun so besonders in den Jahren vor 1844? Durch den Wiener Kongress sind 1815 Europas Grenzen neu gezogen worden. Damit waren erhebliche territoriale Veränderungen verbunden. Das „Trierische“ wurde dem preußischen Staat zugeschlagen und die katholische Kirche war nun Untertan eines protestantischen Königs. 94 Prozent der Bevölkerung Triers waren katholisch, jedoch gab die evangelische Minderheit der Zivilbeamten und des Militärs in bevorzugter Stellung den Ton an. Diese sollten sich nach dem Willen des Königs mit der weiblichen kath. Bevölkerung vermischen. Die Kinder aus diesen religiösen Mischehen hatten jedoch nach einer preußischen Kabinettsorder von 1825 automatisch das Bekenntnis des Vaters zu übernehmen. So kam es zum „Trierer Mischehenstreit“. Hier entwickelte sich ein hohes Konfliktpotential zwischen Staat und Kirche. Die Geistlichkeit erteilte die Erlaubnis zur Mischehe nur dann, wenn beide Partner vor der Trauung die kath. Taufe und Kindererziehung versicherten. Zunächst hatte der in kirchenpolitischen Angelegenheiten vorsichtige Trierer Bischof Hommer noch die Empfehlung ausgegeben, man solle doch die Brautleute befragen, wie sie ihre Kinder erziehen möchten. Laute die Antwort „katholisch“, so stünde einer kath. Trauung nichts entgegen, andernfalls solle man die Heiratswilligen an den zuständigen ev. Pfarrer verweisen. Auch der Kölner Erzbischof Spiegel war auf einen Ausgleich mit dem Staate aus. Doch schon bald nach dem Tod der alten Kirchenoberen veränderte sich nicht nur die rheinische Kirchenführung. Die neuen Bischöfe waren entschiedene Vertreter der ultramontanen Linie. Zunächst in der Minderheit war diese fortan bestrebt, das Ruder des Kirchenschiffes in die feste Hand zu nehmen. Die neuen Bischöfe dachten nicht daran, sich einfach dem Staate unterzuordnen und die königliche Order ohne Kommentar zu befolgen. Daraufhin enthob die preußische Regierung den Kölner Erzbischof seines Amtes und ließ ihn in die Festung einsperren. Das belastete Verhältnis zwischen  Kirche und Staat entspannte sich erst, als ein neuer König den Thron bestieg Friedrich Wilhelm IV. aus dem Hause Hohenzollern im Jahre 1840. Die Geschichte nennt ihn den „Romantiker auf dem Throne“ wegen seiner schwärmerischen Vorliebe für das Ständesystem des Mittelalters. Anlässlich des Kölner Dombaufestes 1842 erhebt er in seiner Rede dieses im Mittelalter begonnene Bauwerk zum Symbol der Einheit der Konfessionen der Deutschen! Der katholikenfreundliche König entlässt den Kölner Erzbischof aus der Haft, der wieder in sein Amt mit persönlicher Ehrenerklärung zurückkehrt. Auch die Wahl der bis dato nicht anerkannten neuen Bischöfe wird nun bestätigt, darunter auch die des Bischofs Arnoldi aus Trier. Somit konnte die Kirche einen großen Erfolg verbuchen, denn fortan sollte sie kein Untertan mehr sein, sondern gleichberechtigter Partner des Staates in der Regelung aller Angelegenheiten. Preußen richtete dazu sogar eine eigene staatliche Verbindungstelle zur römischen Kirche ein. Die demonstrative Umsetzung dieses kirchenpolitischen Erfolgs in der Öffentlichkeit machte sich Wilhelm Arnoldi, der Bischof von Trier, nun zur Chefsache. Arnoldi – aus einfachen Verhältnissen stammend – galt als ein  geschickter Agitator, der sich auf den Bischofsstuhl „hinaufgepredigt“ habe. Schon lange spielte er mit dem Gedanken, den Hl. Rock auszustellen. Jetzt war der günstige Zeitpunkt gekommen. Die Wallfahrt sollte seine bedeutendste Tat im Leben werden, wie sein kirchlicher Biograf vermerkt hat. V. Vom heiligen Filz zur Fashion-Week Lange vor Arnoldis Amtszeit ist das Wallfahrtswesen innerhalb der Kirche nicht unumstritten gewesen. Im Zeitalter der Aufklärung gingen die Bischöfe dazu über, die ausufernden Wallfahrten einzudämmen, vor allem die der Laienbruderschaften, die seit der Reformationszeit immer stärker in Erscheinung getreten waren. Sie schwärmten in merkwürdigen Kostümen verkleidet betend durch die Lande. Sie verfügten über Sonderrechte und hatten in der Kirche und bei Prozessionen ihren besonderen Platz. Außerdem unterhielten sie eigene Geistliche, Kirchengebäude, Altäre, Andachten und erteilten sogar eigene Ablässe. Der Zweck dieser Bruderschaften bestand in der Bekehrung der „Sünder“, der Mission, der Krankenbetreuung und dem Schutz des Papsttums. Ihre Namen griffen zurück auf die Dogmen und die Gestalten der Heiligen, z.B. „Bruderschaft des Hl. Joseph“, „Bruderschaft von der allerheiligsten Dreifaltigkeit“. Durch ihr Treiben entwickelten sie sich bald zu einer unheimlichen Bewegung, so daß die vom Geist der Aufklärung noch berührten Behörden und Oberhirten den unkontrollierbaren Aktivitäten der Bruderschaften ein Ende bereiten wollten. Zu diesem Zweck gab Erzbischof Spiegel in Köln die theologische Erklärung heraus, daß Gott und die Heiligenverehrung an keinen bestimmten Ort gebunden seien. Es komme darauf an, zu Hause zu bleiben, zu beten und zu arbeiten und nicht ständig in der Gegend herumzuziehen. Die staatlichen Behörden kritisierten besonders den durch die Wallfahrten bedingten Arbeitsausfall und die dadurch hervorgerufene Schwächung der Wirtschaftskraft. Nicht zuletzt wurde die Gefährdung der Staatssicherheit angemahnt und in diesem Sinne warnend auf die Kirche eingewirkt. Aber mit der Wahl Arnoldis zum Bischof von Trier und der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. änderten sich die Verhältnisse von Grund auf. Eine Massenwallfahrt, von oben geplant, inszeniert und gelenkt, sollte den Erfolg der Kirche machtvoll in der Öffentlichkeit jedermann vor Augen führen. Und so wurden die Gläubigen zu diesem Schauspiel der Ausstellung des Hl. Rockes nach Trier gerufen, eben jenes „unzerreißbare Symbol der Einheit“, von dem der Koblenzer Publizist Josef von Görres schwärmte. Nach der „Überlieferung“ soll Jesus einst diesen ungenähten, gewebten Rock bei seiner Kreuzigung getragen haben, den die römischen Soldaten nach der Hinrichtung nicht zerrissen, sondern verlost haben sollen. (Geistl. Rat Kammer bemerkt allerdings noch 1933, dass „gewiß viel mehr die Juden Jesus gekreuzigt“.) Der Hl. Rock – Es handelt sich dabei um ein aus braunen Baumwollteilen zusammengesetztes Kleidungsstück in Form einer antiken Tunika, wie sie in der Zeit vom 1. bis in das 4. Jahrhundert getragen wurde. Bei Herrn Domkapitular Kammer ist im Jahre 1933 nachzulesen, dass die „Schutzhüllenstoffe“ des Rockes möglicherweise im 5. oder 6. Jahrhundert, vielleicht aber auch vom 6. bis 9. Jahrhundert entstanden sein könnten…2011 nun heißt es plötzlich von kirchenoffizieller Seite, dass der Rock dem Stil eines liturgischen Gewandes entspreche, wie es im 16. Jahrhundert getragen worden sei! Genauere Kenntnisse über den „archäologischen Zustand“ der Reliquie gibt es erst seit den „detaillierten Untersuchungen“ durch „Spezialistinnen“ der Schweizer Abegg-Stiftung aus Riggisberg bei Bern aus dem Jahr 1973, wie die kirchlichen Internet-Seiten aus Trier vermerken: Das Ergebnis lautet kurz gefasst so: Die ältesten Teile der Tunika, deren Alter durchaus bis ins erste Jahrhundert zurückreichen könnte, befinden sich in einem Konglomerat aus Textilschichten, die wie ein “Sandwich” aufgebaut sind. Der älteste und kostbarste Stoff liegt in der Mitte. Die stützenden Stoffe liegen darunter und darüber. Der älteste Stoff in der Mitte ist ein verfilzter Wollstoff. Das, was man sieht, ist nicht die Reliquie selbst, sondern man sieht hüllende Stoffe oder anders ausgedrückt, ein textiles Reliquiar, ähnlich wie eine normale Reliquie in einem Metallreliquiar eingeschlossen ist. Im Jahre 2011 gibt die Kirche auf die Frage nach der Echtheit des Rockes einen kurzen Hinweis – dass die Echtheit nicht mehr festzustellen sei. 1959 hatten  noch Trier Theologen ausgesagt, dass der Trier Rock nicht echt sei. In dieser Nachkriegszeit hatte man jedoch bei Ausgrabungen ein antikes Fresco der Helena entdeckt und daraus wieder eine gewisse Nähe zur Echtheit des Rockes abgeleitet…. Bis heute hat die Kirche keine archäologische Prüfung veranlasst. Geprüft wurde nur der „technische“ Zustand der Reliquie vor ihrer jeweiligen Ausstellung. Bei seiner letzten Ausstellung 1996 mußte der Rock unter Glas liegen und darf nicht mehr hängend gezeigt werden. Als ein “redendes Reliquiar“ wird der Hl. Rock offiziell bezeichnet, den die von Männern beherrschte Kirche von einer Frau aus Bern in der Schweiz begutachten ließ. Die „Textilhistorikerin“ Dr. Mechthild Flury-Lemberg gibt dazu folgende Zustandsbeschreibung in der „Kleinen Geschichte“ der Tunika jenseits vom Glanz der bunten und leuchtenden Ansichts-Karten vom Hl. Rock vergangener Wallfahrten des 20. Jahrhunderts: Die durchgehenden Stofflagen des Vorderteils der Tunika bestehen heute, von innen nach außen gesehen, aus rotbraunem Seidensatin, aus bräunlichem Tüll und aus grünlichem Taft. Dieser Taft verfügt über eine Auflage von alten Stofffragmenten, die durch Gummitragant verbunden sind. Der Rückenteil besteht aus rotbraunem Seidensatin, bräunlichem Tüll, feiner Seidengaze, einer Filzschicht, grünlicher Taftseide, einer weiteren Filzschicht und Seidengaze. Es ist davon auszugehen, daß die Wollfasern, die heute einen teils zusammenhängenden, teils zerbröckelnden Filz bilden das Kerngewebe darstellen. Dessen Alter kann nicht mehr genau bestimmt werden. Insgesamt hat das Gewand seine textile Oberfläche vollkommen verloren. Heute geht es der Kirche nicht um die Frage nach der materiellen Echtheit des kostbaren Gewandes, sondern um die spirituelle Echtheit. So ist die Theologie! Bis in das 20. Jahrhundert hinein aber glaubte das Wallfahrervolk an die materielle Echtheit, zumal Maria, die Gottesmutter ihn gemacht hatte. Mit dieser Zusatzlegende ließ sich gute Propaganda machen – wie der Trierer Historiker Schieder hervorhebt -  denn das gläubige Volk war an die Marienverehrung gewöhnt! Im Jahre 1844 entstand jedoch über die Frage nach der Echtheit eine scharfe öffentliche Kontroverse mit einer wahren Flut von Kampfschriften. Zwei Bonner Professoren – Gildemeister und von Sybel – hatten herausgefunden, daß es gar 20 Hl. Rocke an verschiedenen Orten gab – die Einzigartigkeit des Trierer Rockes war also fraglich. Von seiten der Jesuiten wurde daraufhin in Umlauf gesetzt, Gott selbst habe in seiner Allmacht den echten Trierer Rock auf wundersame Weise multipliziert. (Geistl. Rat Kammer bezeichnet 1933 jene anderen „Röcke“ als Partikel und Teile von anderen Kleidungsstücken Jesu, u.a. aus Schenkungen von Karl dem Großen) Der Hl. Rock soll – wie die Nahe-Zeitung am 14. Oktober 2010 schrieb – auch 2012 würdig inszeniert werden. Deswegen machen sich seitdem die Verantwortlichen für Kinder- und Jugendpastoral Gedanken zur Wallfahrt in diversen Arbeitsgruppen. Der Möglichkeiten sind viele, z.B. eine „Fashionweek“ vom Gewand Christi bis zur heutigen Mode. Alle Veranstaltungen sollen jedoch auf die erwünschte spirituelle Nachhaltigkeit des Wallfahrtserlebnisses ausgerichtet werden. Nicht zuletzt soll durch die staatliche Lehrerfortbildung auch Schülern der „Zugang“ zu dieser Reliqiue im Religionsunterricht ermöglicht werden. Für die jährlichen Hl.-Rock-Tage im Monat Mai – hier wird der Hl. nicht gezeigt – gab es bereits in den vergangenen Jahren Programme für tausende, aus den  Kindergärten nach Trier geholte Kids, um dort auch ein Pilgerabzeichen zu empfangen! Der Eventcharakter passt nicht allen Katholiken ins Konzept. Vorsicht gegen allzu viele und zu kindliche Events mahnen die anonymen kath. Nachrichten im kreuz.net an, sähen doch die von den Kindern gebastelten Hl. Röckchen aus wie Vogelscheuchen… VI. Die Kollektivierung des Glaubens Würdige Inszenierung des Hl. Rockes! Das klingt nach einer großen Theateraufführung. Nicht umsonst hatte Johannes Ronge als suspendierter Kaplan 1844 in seinem größtes Aufsehen erregenden Offenen Brief an Arnoldi von einem Schauspiel gesprochen, allerdings von einem unwürdigen und unchristlichen! Aber wie lief dieses Schauspiel ab? Schauen wir uns die einzelnen Akte der Inszenierung an. Zunächst einmal wurde das gutgläubige Volk von der Kanzel aus überall auf dieses Ereignis eingestimmt. Bereits im Vorfeld der Wallfahrt wurden die möglichen Kritiker angegriffen. Den entsprechenden Presseorganen wurde seitens der Kirche mit Boykott gedroht, gleichzeitig schuf sich der „Leib Christi“ seine eigenen Zeitungen mit linientreuen Journalisten und Redakteuren. So verfügte Bischof Arnoldi über einen Propagandaapparat, der unermüdlich vor den Feinden der Religion und dem greulichen Gespenst der Revolution warnte (Weberaufstand in Schlesien!). Damit demonstrierte die Kirche ihre staatstragende Rolle und zugleich ihr Monopol auf Religion: Religion = Christentum, Christentum = Kirche. In diesem Sinne wirkten auch die „weltlichen“ Mitstreiter des Herrn Bischof Arnoldi mit, besonders der Trierer Professor Jakob Marx, einer der Strategen der generalstabsmäßigen Wallfahrtsplanung. Unter Beteiligung der hohen Würdenträger von Kirche und Stadt wurde der Hl. Rock aus seinem Kasten herausgeholt und die Ausstellung am 18. August 1844 eröffnet – nach dem Kirchenkalender das Fest der Hl. Helena, nach der Legende die Entdeckerin des Kreuzes Jesu und eifrige Missionarin. Inzwischen gibt es Stimmen, die nicht nur auf den lockeren Lebenswandel dieser „Schankwirtstochter“ hinweisen, sondern dieser katholischen Heiligen nachsagen, sie sei in Wirklichkeit eine Anhängerin des Ketzers Arius gewesen, dessen Ablehnung des Dogmas der Gottgleichheit Christi auf dem Konzil von Nicäa 325 uZ als häretische Lehre verdammt worden war. Der Gedanke, dass Jesus als Mensch am Kreuz starb –wenn er denn je gelebt hat – und nicht als Gott, ist der Kirche nicht mysteriös genug gewesen. Helenas angebliche Kopfreliquie befand sich im Trierer Dom, dem Hauptschauplatz der Ereignisse. Die Stadt war zu dieser Zeit noch von Mauern umgeben. Hier lebten rund 15.000 Einwohner. Durch die heranströmenden Wallfahrer erlebte die Stadt nun einen wahren Ansturm von Menschenmassen und ein Gedränge ohnegleichen. Jede Prozession wurde von einem Pfarrgeistlichen geleitet. Aus dem Bistum Mainz waren fromme Waller angerückt, allerdings ohne ihren Bischof, der in Trier nicht anwesend war und seinen Gläubigen sogar geraten haben soll, nicht an der Wallfahrt teilzunehmen. Dagegen hatte der Bischof von Limburg an die 15.000 Gläubige in Bewegung gesetzt. Peter Josef Blum genießt heute noch Hochachtung als historische Persönlichkeit des Katholizismus. Kein Wunder, denn der Ultramontane hatte sich erfolgreich mit den Nassauischen Behörden angelegt und durchgesetzt, dass das simultane Lehrerseminar in Idstein im Taunus aufgelöst wurde und der interkonfessionelle Religionsunterricht aus den Schulen verschwand! Die Wallfahrt nach Trier – zu Fuß – war für die Teilnehmer strapaziös, ein  Gewaltmarsch bei scharfem Wind und Dauerregen über den Hunsrück. Auf dem Weg nach Trier wurde gesungen und gebetet. Josef von Görres – den Heinrich Heine die „deutsche Hyäne“ nannte – war  derart begeistert, dass er gar von der Wiederkehr der mittelalterlichen Kreuzzüge an Rhein und Mosel schwärmte. Vom ersten Hahnenschrei bis zum Einbruch der Dunkelheit kamen nun 50 Tage hintereinander täglich (im Durchschnitt) über 10.000 Menschen in den Trier Dom! Um vor dem Hl. Rock zu erschauern, gingen sie kolonnenweise auf vorgeschriebenen Wegen mit planmässig festgelegten An- und Abmarschzeiten. Auf diese Weise gab es kein Chaos und jeder Tag war voll ausgelastet. Draußen vor der Stadt waren zusätzlich Quartiere aufgeschlagen. Der Trierer Sozialhistoriker Wolfgang Schieder, der die Wallfahrt genau erforscht hat – das katholische kreuz.net bezichtigt ihn deswegen 2011 als Lügner – führt die Ehefrau von Karl Marx als Augenzeugin des Wallfahrtstreiben an: die Protestantin Jenny Marx geb. von Westphalen aus Trier, die damals aus ihrem Wohnort (Bad) Kreuznach angereist war. Jenny Marx beschreibt – selbst nicht ohne Beeinflussung! -  den Rummelplatz der Unterhaltung, der Geselligkeit und der Devotionaliengeschäfte: In Trier ist schon ein  Treiben und Leben, wie ich es nie gesehen habe. Alles ist in Bewegung. Die Läden sind alle neu aufgeputzt, jeder richtet Zimmer zum Logieren ein. Wir haben auch eine Stube bereit. Ganz Koblenz kommt, und die creme der Gesellschaft schließt sich an die Prozession an. Alle Gasthöfe sind schon überfüllt. 210 Schenkwirtschaften sind neu etabliert, Kunstreiter, Theater, Menagerien, Dioramas, Welttheater, kurz, alles was man sich denken kann, kündigt sich schon an. Der ganze Pallastplatz ist mit Zelten besäet. Vor den Toren sind ganze Bretterhäuser aufgeschlagen. Am Sonntag geht Trier. Jeder muß sich an eine Prozession anschließen, und dann kommen die Dörfer. Täglich 16.000 Menschen. Die Stein hat schon für 400 Taler kleine Herrgottsröckchen verkauft, die sie aus ihren alten Bandresten fabriziert. An jedem Hause hängen Rosenkränze von 6 Pf. Bis zu 100 Taler. Ein klein Medaillon hab‘ ich auch fürs Mämerchen gekauft, und gestern hat es sich selbst ein Rosenkränzchen geholt. Man hat gar keine Vorstellung von dem Getreibe hier. Für die nächste Woche kommt halb Luxemburg an; auch Vetter Michel hat sich angemeldet. Die Menschen sind alle wie wahnsinnig. Was soll man nun davon denken? Ist das ein gutes Zeichen der Zeit, dass alles bis zum Extrem gehen muss, oder sind wird noch so fern vom Ziel? VII. Auf das Wunder folgt die Satire Vor allem der Wunderglauben trieb ungeahnte Blüten in Trier. Wurde den Pilgern suggeriert, der Rock sei echt, so verbreiteten besonders die kirchlichen Andachtsbüchlein jener Tage die Legenden vom Wundertäter Jesus. Berichte von Wunderheilungen machten die Runde, die von den kirchlichen ultramontanen Zeitungen eifrig verbreitet wurden (vgl. dazu das Wunder von Fraulautern 1844, einem Stadtteil von Saarlouis, auf der offiziellen Internetseite der Kommune im Jahre 2011!). Jedoch, in der nichtkatholischen Presse beschwerten sich angeblich Geheilte. Die Elberfelder Zeitung berichtet am 13.10.1844 vom Fall eines angeblich durch den Hl. Rock geheilten Kindes aus Bingen am Rhein, “welches inmitten der rückkehrenden, meistens weiblichen Pilgrime mit bekränztem Haupte und gefalteten Händen einherzog“ und nicht  im geringsten eine Besserung erfahren habe. Kein Einzelfall. Der Hl. Rock, der  „die Eingeweide der eingefleischten Gottheit einhüllte“ – Ort der Gebete und Lieder, veröffentlicht mit „hoher kirchlicher Genehmigung“. In einem Erbauungsbuch zum frommen Gebrauch lesen wir über den Hl. Rock: „Wo Du warest, zeigte sich Jesus Allmacht sichtbarlich.“ Kampe bemerkt treffend, daß hiernach Christus nur das Accidens zur Substanz des Rockes war. In neuerer Zeit werden solche Wahrheiten auf den Kopf gestellt. Das Bischöfliche Generalvikariat Trier bemerkt zur Frage der Wunder im Jahre 1996: Wer den Heiligen Rock im Trierer Dom verehrt, darf nicht meinen, in dieser Tuchreliquie wohne etwas Göttliches oder eine Kraft, auf die man sein Vertrauen setzen dürfe. Eine solche Meinung wäre abergläubisch, Glaube im Abseits. Wer aber bei seiner Verehrung den Heiligen Rock als Bild und Zeichen Christi versteht, der übt seinen Glauben gemäß dem Geiste und der Wahrheit des Neuen Testamentes. Die angebliche Wunderheilung der Nichte des Kölner Erzbischofs, Freifrau von  Droste-Vischering, wurde anno 1844 besonders herausgehoben. Ihr lahmes Bein sei nach der Berührung mit dem Hl. Rock wieder gesund gewesen. Die fromme Adelige wurde deswegen Opfer satirischen Spotts in dem bekannten Lied des Berliners Rudolf Löwenstein: Freifrau von Droste-Vischering Vi-, Va-, Vischering zum heilgen Rock nach Trier ging Tri-, Tra-, Trier ging Sie kroch auf allen Vieren, sie tat sich sehr genieren sie wollt gern ohne Krücken duch dieses Leben rücken Ach herrje, herrjemine ach, herrje, herrjemine ach herrje, herrjemine Josef und Maria! Sie schrie, als sie zum Rocke kam Ri-, Ra-, Rocke kam: “Ich bin an Händ´ und Füßen lahm Fi-, Fa, Füßen lahm du Rock bist ganz unnähtig drum bist du auch so gnädig hilf mir in deinem Lichte ich bin des Bischofs Nichte” Ach herrje… Drauf gab der Rock in seinem Schrein si-, sa-, seinem Schrein auf einmal einen hellen Schein hi-, ha-hellen Schein der fuhr ihr in die Glieder, sie kriegt das Laufen wieder getrost zog sie von hinnen die Krücken ließ sie drinnen Ach herrje… Freifrau von Droste-Vischering Vi-, Va-, Vischering noch selb´gen Tags zum Kuhschwof ging Ki-, Ka-, Kuhschwof ging Dies Wunder göttlich grausend geschah im Jahre tausend achthundertvierundvierzig und wer´s nicht glaubt, der irrt sich Ach herrje… Der Arzt Dr. Roland Daniels, aus der Nähe von Köln gebürtig, unterzog die Heilungsberichte, die der Trierer StadtphysikusHansen gesammelt hatte, einer harschen Kritik und urteilte vom Standpunkt des Materialismus aus. Ein Arzt schrieb in der Elberfelder Zeitung am 9.10.1844 über den Fall Gräfin von Droste-Vischering und kam zu dem Ergebnis, die fromme Frau, die an einem skrupulösen Kniegeschwulst und einer dadurch bedingten Beinverkrümmung litt, habe sich wohl im Zustand religiöser Exstase die Sehne zerrissen und so den Anschein einer Begradigung und Gehfähigkeit erweckt. „Sie kann gehen, freilich nur mit Schmerz. Das, was die Operation des Sehnenschnitts in solchen Fällen macht, ist auf gewaltsamen Wege geschehen, auf eine Weise, wie man es durch Maschinen früher machte, ehe der Sehnenschnitt erfunden war.“ Im Zeitfenster der Hl.-Rock-Wallfahrt von 1844 erblicken wir viele kritische, z.T. beißend-komische satirische Dokumente gegen den Wunderglauben. Da ist die pseudonyme Druckschrift über in das 16. Jahrhundert „zurückverlagerte“ Wundertaten des Hl. Rockes von „Josef Dunkel“ alias Heinrich Hofmann („Struwwelpeter“), der auch die Geldgier der Kirche gegenüber den Gläubigen scharf attackierte. Der Vormärz-Satiriker Adolf Glaßbrenner inszenierte des „Herrn Buffey’s Wallfahrt nach dem heiligen Rocke“ 1845 als urkomisches Genrebild 1845  im Berliner Dialekt.  Wirkungsvoll waren auch spöttische anonyme Lithographien und ihre Darstellung der frommen Waller aus dem Klerus als Tierprozession mit Esels- und Schweinsköpfen, mit dem passenden Text dazu: Heran, jedweder Sündenbock!/ Hier ist zu seh’n der heilige Rock!/ Wer wacker zahlt, Mann oder Weib,/ der wird gesund an Seel und Leib. VIII.     Katholische Übung: Leiden ohne Klage Natürlich ging es der Kirche nicht nur um das Opfergeld der Pilger. Eine weitere wichtige Funktion kam dem Hl. Rock zu. In einer Zeit wirtschaftlicher Not war die Moselregion zu einem Armenhaus geworden, die Winzer befanden sich durch die Überschwemmung des Weinmarktes in einer existentiellen Krise. Soziale Unruhen und erste Erhebungen hatte es bereits in anderen Teilen Preußens gegeben, so in Schlesien den Aufstand der Weber, die als Heimarbeiter bedingt durch die englische Manufaktur-Konkurrenz und Ausbeutung durch die eigenen Tuchfabrikanten und Verleger  buchstäblich am Hungertuch nagten. Alle diese verelendeten Massen, vor allem die Landbevölkerung, wurden direkt vertröstet und aufgefordert, ihr irdisches Elend geduldig zu ertragen. Die Christusgestallt wurde dabei diesen als unmündig angesehenen Menschen zum Vorbild des Leidens vorgestellt. Im  Lied der Armut heisst es daher über Jesus: Er selber litt stets Noth und Mangel/ als er auf Erden hat geweilt./ Drum, Menschenkind, o klage nimmer/ wenn Armut Deine Tage trübt,/ denn mehr hat Jesus einst ertragen,/ weil er uns alle so geliebt! Der Kirche wird hier und da nachgesagt, sie habe in der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts versagt. Manche kirchlichen Lehrbücher, die diese Zeit im Auge haben, sprechen auch davon, die Kirche habe sehr lange gebraucht, um diese Frage zu begreifen. Nicht selten wird diese Problematik auch verdeckt mit Hilfe von Feigenblättern der Geschichte – wie z. B. durch die häufige Erwähnung von Kaplan Kolping und seinem sozial-katholisch orientierten Gesellenverein. Ein Versager ist einer, der zwar guten Willens ist und sich bemüht, es aber  mangels Kompetenz nicht schafft! Die Kirche jener Zeit um 1844 aber hat nicht versagt! Die Kirche des „Vormärz“ im 19. Jahrhunderts hat die soziale Problematik bewußt aus einer feindseligen Haltung heraus registriert und kommentiert. Sie hat während der Wallfahrt die Armut durch die Verarmten selber durch religiöse Aktivitäten und Rituale kompensieren lassen und sich darüber hinaus noch an den Armen bereichert. Warum aber wird der Hl. Rock im Jahre 2012 wohl gezeigt und verehrt? Die Frage wird von der Kirche aktuell so beantwortet: „Das schlichte Kleid ruft zur Solidarität mit den Armen auf.“ IX.     Gottgewollte Ordnung? Der Protest Ronges gegen die Wallfahrt wurde von seiten der Kirchenoberen zugleich als Angriff auf die bestehende „gottgewollte Ordnung“ angesehen. Wer eine andere Ordnung wollte, geriet in den Verdacht, ein Umstürzler und „Communist“ zu sein. Vor diesem Johannes Ronge, am 4. Dezember 1844 exkommuniziert, wurde in einem Hirtenwort der schlesischen Bischofe zu Weihnachten dementsprechend gewarnt. Er galt den Vertretern der Kirche gar als Verfechter des „Unrechts“, denn „er erregt unter den Proletariern Unzufriedenheit mit Gott und der Welt; er macht sie lüstern nach fremdem Eigentum und bahnt den Weg zu Unruhen…“ Der Ronge‘sche Brief hatte seine Wirkung getan, traf er doch als Medienereignis in die Mitte der Kirche und mobilisierte zugleich eine kritische bürgerliche Öffentlichkeit. Ronge war es gelungen, die religiöse Welt zu politisieren und einen politischen Anspruch religiös zu begründen, denn in seinem Offenen Sendschreiben spricht er nicht nur als katholischer Priester, sondern auch als „deutscher Volkslehrer im Namen der deutschen Nation“ – die es damals noch gar nicht gab! Neben der religiösen und nationalen Frage geht Ronge die soziale Problematik an und kritisiert die Wallfahrt in der Tradition Luthers als „unchristliches Schauspiel“ und „Götzenfest“, bezeichnet den Bischof Arnoldi als den „Tetzel des 19. Jahrhunderts“. (Tatsächlich flossen dann summa summarum mehr als 93.000 Taler z.T. in den Weiterbau des Kölner Domes, vor allem aber in einen bischöflichen Neubau zu Trier.) Ronge appelliert am Schluß des Sendschreibens an seine Amtsbrüder, zu zeigen, dass sie den Geist Jesu, nicht aber seinen Rock geerbt hätten. Es war der Theatersekretär und Buchhändler Robert Blum, der in seiner „Zeitschrift „Sächsische Vaterlandsblätter“ Ronge ein Forum bot und den Brief als erster am 15.10.1844 abdruckte. Die Auflage schnellte in die Höhe, in Folge wurden noch rund 60.000 Nach- und Sonderdrucke des Briefes in Umlauf gesetzt, gelesen, vorgelesen und debattiert. Die nichtkatholische Presse verbreitete ihn ebenso wie andere fortschrittliche Zeischriften wie Eduard Dullers „Vaterland“ in Darmstadt. Die Vorläufer der modernen Illustrierten, die „Bilderbögen“ verbreiten auf billigem Papier Tagesthemen und Heute-Nachrichten… „Das geharnischte Sendschreiben (…) bewegt alle Köpfe und Herzen“ schrieb Hoffmann von Fallersleben aus Geisenheim seinen Dichterkollegen Ferdinand Freiligrath im Rheingau. Fast überall in deutschen Ländern wurden Gruß- und Dankadressen an Johannes Ronge verfasst. Es schien so, als würde sich eine zweite Reformation anbahnen und ein Kampf zwischen Licht und Finsternis beginnen. Das Jahr 1845 führt Ronge auf eine Rundreise, sie ihn zum Medienstar macht. Zehntausende hören seine Predigten und huldigen ihm in öffentlichen Empfängen mit Eventcharakter: Bürgerliche und nichtbürgerliche Schichten des Volkes, Kaufleute, Gutbesitzer, Fabrikanten, Ärzte, Handwerker, Gesellen, Dienstboten und Tagelöhner, Schriftsteller, Männerchöre und Jungfrauenvereine…. Die Ronge-Verehrung entwickelte sich zum Kult mit Tabakspfeifen, Bildnissen, Seidentüchern mit dem Offenen Brief… Johannes Ronge – ein Mann des bürgerlich-demokratischen Bildungsideals und der religiösen Nächstenliebe. Das Wichtigste an der Mitgliedschaft in einer deutschkatholischen Gemeinde sah er darin, Grundsätze und Bestimmungen der freien Kirche zu leben. Der höchste Zweck des Lebens bestand für ihn im humanistischen Ideal, dieses Leben in der Wahrheit und der Liebe zu führen, dieses Leben in der Selbstbestimmung und im Bewußtsein der freien Würde des Menschen zu gestalten. Die Zahl der neuen Religionsgemeinschaften, die sich ab 1845 die Wesensbezeichnungen „deutsch-“ oder „christkatholisch” gegeben hatten, wuchs schnell an – besonders in den gemischt-konfessionellen größeren Handels- und Industriestädten, in denen die römischen Katholiken in der Minderheit waren. Aber auch in kleinen Provinzstädtchen und in umliegenden Dörfern gab es Deutschkatholiken. Bis 1847 gründen sich über 250 Gemeinden. Zu Ostern 1845 tagte ein erstes Konzil der neuen Bewegung in Leipzig. Sein Organisator Robert Blum weist daraufhin, dass hier nichts Neues entstanden  sei, sondern in günstiger Zeit sei es endlich gelungen, die Kräfte des Fortschritts zu bündeln. (Guido Knopps Robert-Blum-Film von 2008 aus der historischen Reihe „Die Deutschen“ erwähnt diesen wichtigen Teil der Biografie und Zeitgeschichte einfach nicht! DVD im Handel oder als Abrufvideo in der ZDF-Mediathek im Internet). Mit Blick durch die Brille der Vernunft hatte der Frankfurter Kaufmann, Schriftsteller und spätere deutschkatholische Prediger Heribert Rau anlässlich des Osterkonzils der Deutschkatholiken 1845 dem Zeitgeist des Fortschritts jener Tage sogar heilsgeschichtliche Züge verliehen: So ist mit dem Jahre Eintausend achthundert und vierundvierzig für die Christenheit, und namentlich für die Völker Deutschlands, ein großer, herrlicher Ostermorgen angebrochen! Christus ist erstanden! X.     Historische Würdigung Robert Blum hat das Ostergeschehen seinerzeit rationalistisch gedeutet. Das Grab Jesu war offen und leer, der riesige Stein weggeschoben. Kein übernatürliches Wunder, sondern ein gleichnishafter Hinweis auf die Sprengkraft der Idee vom Gottesreich auf Erden (Revolution=Offenbarung Gottes). Die entscheidenden Hindernisse dabei waren Staat, Kirche und Papst. Im Namen eines konkurrierenden Christentums hatten die Deutschkatholiken die damalige Weltordnung und ihre Verhältnisse bezweifelt: das Verhältnis von Bürger und Staat, Staat und Kirche, Gott und Welt. Die Verneinung des kirchlichen Monopols auf die Deutung des Christlichen hatte zugleich die Rechtmäßigkeit der Staatsordnung in Frage gestellt. Dass die bestehenden staatlichen Einrichtungen in ihrer gegebenen Form göttliche Ordnung repräsentierten, dass der König als von Gottes Gnaden letztlich nur Gott verantwortlich sei, dass die halbfeudalen Rechts- und Sozialverhältnisse eingebunden sind in das göttliche Regiment der Welt. Das alles – so bemerkt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf -  war nun als Deutung des Kirchenchristentums bewusst, die keine konkurrenzlose Allgemeingültigkeit mehr beanspruchen konnte. Niemals hätte die kath. Kirche dies zugegeben und sprach daher in ihren Exkommunikationsbriefen von der neuen Bewegung der Deutschkatholiken als einer heidnischen Sekte, deren Vertreter als Judase, Communisten, Aufwiegler und Wüstlinge im Weinberg des Herrn tituliert wurden. Tatsächlich aber war die Christlichkeit der bestehenden Ordnung von seiten der Deutschkatholiken gerade im Rückgriff auf das Christentum in Frage gestellt worden, und das machte sie als religiöse Opposition gefährlich für Kirche und Staat. Es gibt zwar heute immer noch eine „hinkende“ Trennung von Kirche und Staat, aber die Tage des königlichen Gottesgnadentums liegen im Nebel der Vergangenheit. Der Papst ist heute der letzte absolute Monarch in Europa. Demokratische Staaten legitimieren sich nicht mehr rein religiös, wenn auch hier und da dem Mythos vom christlichen Abendland gehuldigt wird. Doch theokratische Gottesstaatsideen sind im Untergrund nicht ausgeträumt und verschwunden (siehe kreuz.net). Und der christliche Glaube ist nach wie vor mehr als nur eine Angelegenheit der Christen. Die Kirche als „Leib Christi“ hat immer einen universellen Anspruch, und 2012 will sie mit der Hlg.-Rock-Wallfahrt folgendes erreichen: „Wir machen öffentlich, dass Jesus (…) ein „Schatz für alle Menschen ist.“ Die Institution Kirche soll erlebbar werden „als Zeichen und Werkzeug für die Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ Über diesen Jesus schrieb der freireligiöse Philosoph Arthur Drews 1928: „Für die Theologie ist der geschichtliche Jesus Voraussetzung, nicht Ergebnis ihrer Forschung; es kann also auch nicht behauptet werden, daß die Theologie, gar die Wissenschaft die Geschichtlichkeit Jesu „bewiesen“ habe. Daß es einen geschichtlichen Jesus gegeben hat, ist eine Annahme des Glaubens, nicht des Wissens.; der Glaube aber gründet überall nur auf Suggestion: Erziehung, Gewohnheit, subjektive Wünsche, Verheißungen, Drohungen usw.“ Der Heilige Rock, die „kostbarste Reliquie des Trierer Domes“, ist ein Teil dieses mysteriösen Glaubens und des Systems Kirche mit seinen Dogmen, deren Sinn darin liegt – wie Peter de Rosa es als ehemaliger römisch-katholischer Theologe am Corpus Christi College London ausdrückt – dass niemand sie verstehen soll. Literaturverzeichnis I.    Fachwissenschaftliche Literatur 2006 – „Für Freiheit und Fortschritt gab ich alles hin.“ Robert Blum (1807-1848), Visionär, Demokrat, Revolutionär. Hg. Vom Bundesarchiv, bearb. Von Martina Jesse und Wolfgang Michalka. Unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Berlin 2006. (Begleitbuch zur Ausstellung) 1992 – Paletschek, Sylvia: Religiöser Dissens um 1848: Das Zusammenspiel von Klasse, Geschlecht und anderen Differenzierungslinien, in: Geschichte und Gesellschaft, 18 (1992), 161-178. (Frauenbewegung, sozialer Status, Deutschkatholiken) 1984 – „Herr Hoffmann ist zu gar nichts nütz…“ Zum 175. Geburtstag Heinrich Hoffmanns. Heinrich-Hoffmann-Museum der frankfurter werkgemeinschaft e.V., Frankfurt a. M. 1984 (Ausstellungskatalog) 1979/80 – Zenz, Emil: Geschichte der Stadt Trier im 19. Jahrhundert. Bd. I: Vom Beginn der französischen Herrschaft bis zum Ende der Revolution von 1848. Trier 1979. Bd II: Vom Beginn der Reaktion bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts (1850-1899). Trier 1980. (Darstellung des langjährigen Trierer Kulturdezernenten und Lokalhistorikers aus konservativer Sicht) 1978 – Graf, Friedrich Wilhelm: Die Politisierung des religiösen Bewußtseins. Die bürgerlichen Religionsparteien im deutschen Vormärz: Das Beispiel des Deutschkatholizismus. Stuttgart, Bad Cannstadt 1978.  (Erste und einzige Spezialbibliographie mit zahlreichen deutschkatholischen Quellentexten, Literaturhinweisen und –erstmalig in der Kirchengeschichte- adäquater historischer Bewertung. Der ev. Autor ist Prof. für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München.) 1977 – Schieder, Wolfgang: Religionsgeschichte als Sozialgeschichte.  Einleitende Bemerkungen zur Forschungsproblematik, in: Geschichte und Gesellschaft 3 (1977), 291-298. 1977 – Korff, Gottfried: Formierung der Frömmigkeit. Zur sozialpolitischen Intention der Trierer Rockwallfahrten 1891, in: Geschichte und Gesellschaft 3 (1977), 352-383. (Kirchenkritische volkskundliche Abhandlung, die das kirchlich gepriesene angebliche „Urphänomen“ Wallfahrt – Angelegenheit des „Herzens“ – als abschottende Ideologie enttarnt. Autor ist Prof. für Volkskunde an der Universität Tübingen) 1974 – Schieder, Wolfgang: Der Trierer Wallfahrtsstreit von 1844. Eine Bibliographie, in: Kurtrierisches Jahrbuch, 14 (1974), 141-170. (Kontroverse Flugschriften und Aufsätze über den Hl. Rockes, die Reliquienverehrung, einzelne Ereignisse der Wallfahrt. Der Trierer Sozialhistoriker wird heute noch von katholischer Seite ignoriert oder im kath. Kreuz.net angegriffen.) 1974 – Schieder, Wolfgang: Kirche und Revolution. Sozialgeschichtliche Aspekte der Trierer Rockwallfahrt von 1844, in: Archiv für Sozialgeschichte XIV (1974), 419-454. (Quellenreicher, profunder und die kath. Kirche entlarvender Aufsatz) 1973 – Kunst der Bürgerlichen Revolution von 1830 bis 1848/49. Zusammengestellt und hg. aus Anlass der Ausstellung im Schloß Charlottenburg, Berlin 1972/73, von der AG Kunst der Bürgerlichen Revolution, 1830-1848/49. 2. Aufl. Berlin 1973. 1954 – Silberhorn, Lothar W.: Der Epilog eines religiösen Reformers. Ungedruckte Aufzeichnungen Johannes Ronges aus dem Londoner Exil, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 6 (1954), H. 2 (Sonderdruck) II.    Katholische Werke 2011 – www.heilig-rock-wallfahrt.de (BISTUM TRIER) 1959 – Heilig Rock-Wallfahrt Trier 1959. (Pilgerbüchlein) 1959 – Wallfahrtsblatt. Zur Ausstellung des Heiligen Rockes Trier 1959, Nr.1-11 Trier 1959. 1949 – Kraus, Johannes: Geistlicher Rat Prof. Dr. Kaspar Riffel, der Mobilisator der katholischen Bewegung in Mainz, in: Jahrbuch für das Bistum Mainz 1949, 115-170. (Ereignisse in Mainz des Vormärz, Schilderung des Wallfahrtszuges, Angaben über Mainzer Deutschkatholiken) 1933 – Der Hl. Rock in Trier. Geschichte und Bedeutung des Hl. Gewandes Christi. Von Karl Kammer, Domkapitular und Geistl. Rat in Trier. 2. Aufl. Trier 1933. (Kammer gibt der Wallfahrt im Vorwort zur 2. Aufl. bereits sieben Tage nach Eröffnung eine  „weltgeschichtliche Bedeutung“, p. XV) 1933 – Wallfahrtsblatt zur Ausstellung des Hl. Rockes im Heiligen Jahr 1933. Hg. Unter Billigung der Wallfahrtsleitung für die Ausstellungszeit des Hl. Rockes (23. Juli bis 10. September 1933), Nr. 1-8, Trier 1933. (Informativ über kirchliche Stellen und behilfliche NS-Organisationen). 1932 – Unsere Diözese Trier. Ein kirchliches Heimatbuch. Hg. von Heinrich Faßbinder. Saarbrücken 1932. (Mit Vorwort v. Bischof Bornewasser) 1865 – Kraft, Jakob: Wilhelm Arnoldi, Bischof von Trier. Ein Lebensbild. Trier 1865. (Der Autor war Domkapitular und Domprediger) 1845 – Görres, Josef von: Die Wallfahrt nach Trier. Regensburg 1845. III.    Freireligiöse Literatur 2011 – Robert Blum. Auf dem Theater des Lebens. Beiträge zur Robert-Blum-Ehrung. Hg. von Anke Reuther. Berlin 2011. (Enthält den kompletten Text der Blum-Revue sowie einen profunden Beitrag von Eckhart Pilick und eine CD mit einem neuen Blum-Lied) 2007 – Robert Blum Revue. Programmheft. Autorin: Kirsten Reuther. Zum 200. Geburtstag des Demokraten, Revolutionärs und Freigeistes. Hg. von der Freireligiösen Gemeinde Berlin. (Berlin 2007) 2006 – Freireligiöses Quellenbuch. Bd 1, 1844-1926. Eine Sammlung grundlegender Texte über Inhalt und Ziele Freier Religion. Zusammengestellt von Lothar Geis. Mainz: Selbstverlag der freireligiösen Gemeinde Mainz,. Mainz 2006. Bd.2, 1926-2000, Mainz 2010. 1997 – Lexikon freireligiöser Personen. Hrsg. Von Eckhart Pilick. Rohrbach/Pfalz o.J. (Gemeinschaftswerk freireligiöser Prediger, Pfarrer und Sprecher von 1997) 1997 – „Das Paradoxe zog mich an.“ Festschrift für Eckhart Pilick. Hg. von der Freireligiösen Landesgemeinde Baden. Mannheim 1997.(Vgl. besonders Sabine Pich mit dem Aufsatz über den Ronge-Nachlass) 1959 – Die Freireligiöse Bewegung – Wesen und Auftrag. Als Gemeinschaftswerk hg. vom BFGD. (Mainz 1959) (Beiträge u.a. zur Geschichte des Deutschkatholizismus anlässlich der 100-Jahrfeier des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands in Mainz) Das Johannes-Ronge-Archiv in Ludwigshafen am Rhein, Johannes-Ronge-Haus. Verf. Dr. Wilhelm Bonneß. Hg. Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz. (Ludwigshafen o.J.) 1959 – Schlötermann, Heinz: Wer war Jesus Christus? Konstanz 1959 (Badischer Landesprediger, Buchautor) 1928 – Drews, Arthur: Hat Jesus gelebt? Mainz: Verlag Freie Religion 1928 (Klassiker der Leben-Jesu-Forschung. Einziger freireligiöser Philosoph des 20. Jahrhunderts, der schon 1910 die Geschichtlichkeit Jesu öffentlich bezweifelt hatte. Reprint in der ALV-Schriftenreihe Bd. 6, Angelika Lenz Verlag, Neustadt, 3. Aufl. 1994) 1908 – Tschirn, Gustav: Johannes Ronges Brief an Bischof Arnoldi von Trier. Frankfurt a.M. 1908. (Der Autor war freireligiöser Prediger in Breslau und Wiesbaden, Präsident des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands sowie des Deutschen Freidenkerbundes) 1904 – Tschirn, Gustav: Zur 60jährigen Geschichte der Freireligiösen Bewegung. Bamberg 1904. 1852 ff – Kampe, Ferdinand: Geschichte der religiösen Bewegung der neueren Zeit. 4 Bde. Leipzig 1852-1860. (Unverzichtbare Arbeit, Autor war deutschkath. Prediger u.a. in Wiesbaden, viele „versteckte“ Quellen in den Anmerkungen) IV.    Aus evangelischer Sicht 1977 – Religion ohne Kirche. Die Bewegung der Freireligiösen. Ein Handbuch. Hg. von Friedrich heyer u. Mitarb. V. Volker Pitzer. Stuttgart 2. Aufl. 1979. (Eine Publikation der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen u.a. aus etlichen Seminararbeiten, denn Auftakt zu diesem Band war ein praxisbezogenes Sommersemester 1969 am Konfessionskundlichen Seminar der Universität Heidelberg mit Kontakten zur Freireligiösen Landesgemeinde Baden) VI. Anonyme Medien kreuz.net katholische nachrichten (Die Betreiber bezeichnen sich selbst als „Initiative einer internationalen privaten Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind.“ Es gibt Vermutungen, dass Autoren von kreuz.net Mitglieder oder Anhänger der PIUS-Bruderschaft sind. Autor: Martin Buchner Freie Religionsgemeinschaft (Freireligiöse Gemeinde) Idar-Oberstein www.frg-io.de