Benutzer:K-nut/Fremdinfos

Aus Piratenwiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Fremdinfos

welche für mich interessant sind

Bildung

Biologie - Tiere, Pflanzen, Umwelt,...

https://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/b/b9/BIK-F-Newsletter_1_13.pdf

Religion

säkularer Staat

Kirchenkritik

heiliger Rock

Karikaturen

https://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/8/82/Jesus-mantel01.jpg

https://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/e/e0/Heiliger-Rock-Karikatur-1844.jpg

https://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/b/bf/Spottbild-auf-Ultramontanismus-und-Obskurantismus-in-der-r%C3%B6misch-katholischen-Kirche-um-1847.jpg

kritische Texte

Von der Macht des Aberglaubens

Im Jahr 2007 fand im Frankfurter Dom eine eigentümliche Prozession statt, bei der eine Reliquie im Kircheninnern herumgetragen wurde. Wegen des Museumsuferfestes musste man sich darauf beschränken und auf eine Prozession durch die Gassen verzichten. Es handelt sich dabei um die Neuauflage einer Wallfahrt, die der Schädeldecke des Apostels Bartholomäus gilt. Obwohl man nicht weiß, wie viele es davon gibt, hat sich die katholische Kirche entschlossen, ein Patronatsfest des Apostels für die Frankfurter Domgemeinde einzurichten und so zu tun, als hätte es schon immer eine Wallfahrt mit Prozession gegeben. Seit der Reformation hätte die Freie Reichsstadt eine solche kategorisch untersagt und noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg war davon keine Rede. Das besagte Frankfurter Ereignis – oder sollte man nicht besser von Event sprechen? – kann nicht isoliert betrachtet werden. Schon beim sogenannten Weltjugendtreffen in Köln hat Papst Benedikt XVI. die Verehrungswürdigkeit der Gebeine der heiligen drei Könige betont und Köln nach Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela als vierten bedeutendsten Wallfahrtsort hervorgehoben. Man könnte sich mit Recht die Frage stellen, ob die katholische Kirche zum vorreformatorischen Reliquienverständnis und seinem Kult zurückkehrt. Oder hat sie dieses nie verlassen? Wallfahrtsorte vermitteln stets den gleichen Eindruck: Aus verschlafenen, entlegenen und völlig unbedeutsamen Orten wurden modernste „Dienstleistungszentren“. Beispielhaft ist das bosnische Medugorje. Diesen seit 1981 bestehenden Wallfahrtsort haben bis heute etwa fünfzehn Millionen Pilger besucht. Was war geschehen? 1981 erschien sechs Jugendlichen auf einem Berg die Muttergottes und seitdem täglich. Der Andrang, der sofort einsetzenden Massenwallfahrt war so groß, dass schon ein Jahr später die Erscheinungen Mariens – wie es tatsächlich im amtlich-kirchlichen Führer steht – in die im Tal gelegene Kirche „verlegt“ wurden. Was für eine Verlegenheit! Man kann also eine göttliche Vision aus praktischen oder geschäftlichen(?) Gründen einfach verlegen! Das kann man nicht kommentieren. Auf jeden Fall staunt man, wenn man durch das noch vom letzten Krieg gezeichnete Bosnien fährt und in den Landkreis kommt, in dem Medugorje liegt, wie modern und hoch entwickelt die gesamte Infrastruktur dieser Gegend ist. So mancher westdeutsche Landkreis und so manche Kleinstadt würde vor Neid erblassen. Das Geschäft mit dem Pilgerwesen ist unübersehbar. Mir fallen dabei unwillkürlich zwei Beispiele aus längst vergangener Zeit ein: Stellen Sie sich ein völlig verschlafenes und armseliges Bergdorf Burgunds im hohen Mittelalter vor. Arm war man in der Tat, aber vielleicht doch nicht so verschlafen, denn man fand zufällig die Gebeine der heiligen Maria Magdalena, und da der Ort ebenso zufällig an einem der Jakobswege nach Santiago de Compostela lag, war das Geschäft perfekt: Das Pilgergeld floss in Strömen. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten konnte eine der schönsten romanischen Kathedralen errichtet werden, die von Vézelay. Es erwies sich für diesen Wallfahrtsort als nicht hinderlich, dass in Aix en Provence eine Zweitausgabe der Gebeine der Maria Magdalena verehrt wurde. Der damalige Papst, vor dieses Dilemma gestellt, bemerkte lakonisch, die wahren Gebeine würden sich durch ihre Wundertätigkeit erweisen – und das taten sie beide! Das zweite Beispiel aus dem hohen Mittelalter führt uns in die nordfranzösische Provinz. Stellen Sie sich wiederum eine arme, unbedeutende Diözese mit einem genau so schäbigen Bischofssitz vor. Man hatte auf einmal zufällig – erworben, gekauft, gefunden, niemand weiß es mehr – das Hemd, das Maria trug, als das Christuskind zur Welt kam. Das war eine tolle Sache. Das Pilgergeld sprudelte auch hier so stark, dass in wenigen Jahrzehnten die vielleicht bedeutendste französische Kathedrale gebaut werden konnte: die von Chartres. Die Welt der Reliquien ist eine ganz seltsame. Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu geben, das Göttliche in Gegenständen erblicken zu wollen, um Heil und Erlösung von allen Schwernissen zu erhalten. Das wäre als solches nicht zu verurteilen, wenn nicht Betrug und Geschäftemacherei dahinter stünden und ein eindeutiges Bestreben, jene gutgläubigen und bedürftigen Menschen in einer gewissen Dummheit zu halten. Der Gang in die Welt der Reliquien ist nicht einer allein in das Mittelalter, sondern er erstreckt sich bis in unsere Tage. Er fand seine Grundlage in der Spätantike, als sich das Christentum schriftlich und organisatorisch zur Kirche ausbildete. Zu jener Zeit, also 4. bis 5. Jahrhundert, entstanden auch zwei mehr als fragwürdige Schriften: die Apostelgeschichte und die Kirchengeschichte des Eusebius. Gerade in letzterer wird das sogenannte frühchristliche Märtyrertum, über weite Strecken frei erfunden, zum festen Glaubensinhalt der sich ausbildenden neuen Kirche. Die Völkerwanderung und die arabische Expansion machte in Europa vieles davon zunichte, so dass sich die Karolinger, insbesondere Karl der Große, zu einer spezifischen Aufgabe gedrängt sahen: den Wiederaufbau der christlichen Kirche. Daran gingen sie mit Energie, zum einen, um ihre Macht zu legitimieren und zu sichern, und zum anderen, um über eine vorgeschobene Missionierung sich neue Territorien und Gebiete anzueignen. Neben beachtlichen organisatorischen Leistungen und bedeutenden bildungsmäßigen Einrichtungen kam es zum ersten Großeinsatz von Reliquien, die gleichsam die Frömmigkeit, ja, die Heiligkeit des Herrschaftssystems untermauern sollten. So stattete Karl der Große seine Pfalzkapelle zu Aachen, der Maria geweiht, mit besonderen Reliquien aus: dem Umstandskleid Mariens, den Windeln Jesu, dem Lendentuch Jesu und dem Tuch, auf dem der Kopf Johannes des Täufers lag. Natürlich durften auch das Blut Jesu, Teile des Kreuzes und die Kreuzesnägel nicht fehlen. Eine beachtliche Reliquiensammlung ist damals zusammengetragen worden. Der Ort der fränkischen Königskrönung wurde zugleich zu einem heiligen Ort. Dazu trat ein seltsamer Umstand ein, die Reliquien verschwanden, ob sie versteckt wurden oder zu Grunde gingen, ist nicht zu sagen, auf jeden Fall wusste kein Mensch mehr von ihnen, bis sie ganz plötzlich wieder entdeckt wurden. Ähnliches wird auch vom Heiligen Rock zu Trier berichtet. Dies ist in jedem offiziellen Führer nachzulesen. So soll die für Vieles strapazierte Heilige Helena, die Mutter Konstantins des Großen, zur Reliquiensuche nach Palästina gereist sein und nach einigem Suchen das Kreuz Jesu, den heiligen Rock, um den die Schächer gewürfelt haben und noch vieles andere mehr gefunden haben. Letztlich verschwand alles, um Jahrhunderte später auf einmal wieder aufzutauchen. Der Heilige Rock zu Trier wurde 1196 wieder entdeckt und ausgestellt, wenige Jahre später war er nicht mehr auffindbar. Aber 1512 wurde er auf Wunsch Kaiser Maximilians I. wieder aufgefunden und ausgestellt u.s.w. Entweder war das Ganze so wichtig und bedeutsam, dann wäre es in den Geschichtsaufzeichnungen der Stifte und Klöster bewahrt geblieben, oder es war der Willkür eines Bedarfs ausgeliefert, der, je nach Interessenlage, die heiligen Objekte benötigte oder sie wieder in den Kellern verschwinden ließ. Gesichert ist eines: All die frommen Erzählungen über die Heiligen und die Märtyrer, unter anderem auch die Geschichten um die Heilige Helena, entstammten der Feder Jacobus a Voragine, Erzbischof und kirchenlateinischer Schriftsteller aus Genua. Sie gingen unter dem Titel der „Legenda aurea“ nicht nur in die Geschichte ein, sondern sie wurden als bare Münze aufgefasst und immer wieder in die Geschichte eingetragen. Das Zeitalter, in dem die „Legenda aurea“ verfasst wurde, war das der Kreuzzüge. Auf diesen wurde das eigentliche Reservoir der Reliquien gefunden. Man hat ausgerechnet, dass man allein von den Splittern des Kreuzes Jesu ein Kriegsschiff hätte bauen können, und dass die Nägel vom Kreuz viele Zentner wogen. Den Kreuzfahrern wurde im Vorderen Orient alles angeboten, und sei es noch so obskur, was irgendwie im Scheine der Heiligkeit stand. Eine kleine Auswahl: der Gürtel Jesu, der Gürtel Mariens, die Haare Mariens und die von Johannes dem Täufer – alle vier Objekte sind Teil des Aachener Domschatzes; aber auch Entlegenes oder Geschmackloses, wie das Heu aus der Krippe Jesu, das heilige Heu wird noch heute im Niederösterreichischen Gaming verehrt, oder die Brosamen vom letzten Abendmahl, auch in Gaming zu bestaunen und als besonderer Clou wird die Muttermilch Mariens, die sacro latte, in Montevaschi (Toskana) und in Orviedo (Spanien) verehrt. Vor allem aber wurde der Bedarf an heiligen Gebeinen oder Gebeinteilen im 12. und 13. Jahrhundert zu einem wahren Wirtschaftszweig. Jedes Stift, jedes Kloster, aber auch jede einzurichtende Wallfahrtsstätte benötigte Reliquien, um Ansehen und Einkünfte zu halten, zu steigern oder neu zu erschließen. Ich stehe immer etwas fassungslos vor der Frage, warum die Kirche nicht das Handelsmonopol für die Reliquien inne hatte, sondern die Angebote dem freien Handel überließ. Hatte es vielleicht ähnliche Gründe wie das Anheuern einer bestimmten Gilde von Schaustellern, die, als Krüppel getarnt, spontane Heilungen vor ausgestellten Reliquien spielten und dann sofort verschwanden? Es fällt uns heute ungemein schwer, das Mittelalter und seine Nachwirkungen in die Neuzeit hinein zu verstehen. Es ist vor allem die seltsame Gläubigkeit, die zwischen weltlichen und sakralen Bezügen so zerrissen erscheint und ein schon immer vorhandenes Aufklärungs- und Reformbestreben, das in die Abgründe eines unvorstellbaren Aberglaubens zu fallen drohte, die unsere Begrifflichkeit jener Zeitläufe so unzulänglich machen. Gläubigkeit hin, Aufklärung her, der Betrug mit den Reliquien war offensichtlich und das Geschäft mit dem Aberglauben unübersehbar. „Von neunzehn überprüften Heiligen existierten in Kirchen und Kapellen 121 Köpfe, 136 Leiber und eine Fülle anderer Glieder. Der heilige Erzmärtyrer Stephanus besaß einmal dreizehn Arme, der Apostel Philippus ein Dutzend, der heilige Vinzenz zehn, der Apostel Andreas 17. Die heilige Agatha soll ähnlich aufgeteilt sein: Ihre Brüste, angeblich um 251 n.Chr. schwer gefoltert, sind noch in Catania, Rom, Paris, Capua als Reliquien vorhanden.“ (Horst Hermann, „Lexikon der kuriosesten Reliquien“, Berlin 2003, S. 140). Was diese Seltsamkeiten nicht in der Lächerlichkeit oder der reinen Geschmacklosigkeit belässt, war der Gewinn, den man aus ihnen zog. Mittels des Ablasses ließen sich Unsummen von Einkünften erreichen. Was war denn der Ablass? Ausgehend von der Vorstellung, dass der Mensch nach seinem Tode in den seltensten Fällen gleich in den Himmel oder die Hölle kam, und dass fast alle erst in das Fegefeuer mussten, bot sich die Überlegung an, durch die Fürsprache der Heiligen, die ja in den Reliquien präsent waren, jenen möglichen Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Um das für die Gläubigen abzusichern, war eine Bezahlung von Nöten. Damit war die Handelsgrundlage gegeben: Geld für den Ablass, das hilft dem Nachlass der Sünden zur Verkürzung des Fegefeueraufenthalts. Diese Praxis schuf die Grundlage für ein Finanzierungssystem, mit dem sich vielerlei erreichen ließ. Der gesamte Kirchenbau des Mittelalters wurde damit zu einem guten Teil erst ermöglicht, aber auch viele andere kirchliche und vor allem päpstliche Unternehmungen wurden davon getragen. Auch weltliche Fürsten griffen gerne auf die Ablasspraxis zurück, um ihren zweit- oder drittgeborenen Kindern eine standesgemäße kirchliche Stellung zu ermöglichen. Das eintrainierte Sündenbewusstsein der Menschen und ihre Sehnsucht nach Erlösung trieb Unmengen Geld in die Ablasskassen. Seltsamerweise war es nicht nur die systematische Verblödung des Volkes, wie man heute etwas unscharf sagen würde, die das ermöglichte, sondern es waren auch gebildete Menschen, die dem Reliquienkult anhingen. Zwei Beispiele aus der späten Zeit des Mittelalters können dies verdeutlichen. Zunächst war es Friedrich der Weise (1463-1525), Kurfürst von Sachsen, Schutzherr Martin Luthers, hoch gebildeter Humanist und unbeirrbarer Katholik, der eine der größten Reliquiensammlungen überhaupt anlegte, und zwar für die Reliquienkapelle zu Wittenberg. Dies geschah zur gleichen Zeit, als sein Schützling Luther auf das Heftigste gegen jede Reliquienverehrung wütete. „Der Geheimsekretär des Kurfürsten, Georg Burckhardt aus Spalt bei Nürnberg, verständnisvoller Anwalt Luthers am kursächsischen Hof, verschaffte seinem Fürsten die seltsamsten Reliquien für die Allerheiligenkapelle und führte Buch über das Anwachsen der Sammlung: Von 5262 Stücken im Jahr 1513 steigerte sich die Sammlung auf 17443 im Jahr 1518 und erreichte ihren Höhepunkt 1520 mit 18970 Teilen. Die auf diesen liegenden Ablässe betrugen insgesamt 1.902.202 Jahre und 270 Tage.“ (o.a. Lexikon, S. 176) Wie kann ein Mann, ohne den Martin Luther nie seine Reformation hätte durchziehen können, zur gleichen Zeit einen solchen Reliquienkult betreiben, der gerade der Hauptauslöser für das Reformations¬bestreben war? Einen anderen Fall hatten wir bei einer Fahrt des Kunstkreises nach Aschaffenburg in der Ausstellung „Cranach im Exil“ kennen gelernt: Albrecht von Brandenburg, 1490-1545, Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Erzbischof von Magdeburg, Bischof von Halberstadt, Kardinal – alles Positionen, die zusammen genommen und in Anbetracht des jugendlichen Alters des Fürsten teuerste Dispense von Nöten machten – und dadurch Feindbild Martin Luthers geworden, hatte in Halle an der Saale eine Bettelordenkirche zu einem Heiltum umgewidmet. Es waren nicht nur Dutzende von Altären, teilweise von Grünewald und vor allem von Lukas Cranach geschaffen, sondern es war die Anzahl von Reliquien, die die unglaubliche Zahl von Ablässen einbrachten, die sich auf 39 Millionen Jahre erstreckten. Der Aberglaube scheint keinen Boden zu haben und keine Grenzen zu besitzen. Dies gilt besonders für die Vorhaut Jesu, das praeputium, Lukas 2,21 berichtet von der Beschneidung des Knäbleins. Mittelalterliche Theologen haben sich tatsächlich mit der Frage beschäftigt, ob Christus mit oder ohne Vorhaut in den Himmel aufgefahren sei. Grund genug, nach einer solchen Reliquie zu suchen, man wurde fündig, und das dreizehn Mal. Zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass der Vatikan 1900 die Verehrung der Vorhäute verboten hat; in Aachen, das eine solche besitzt, war man darüber bestimmt traurig. Sollen noch die unzähligen heiligen Blutreliquien, Hostienwunder und dergleichen angeführt werden? Ich möchte den Ausflug in die Welt des Aberglaubens mit der Erwähnung einiger besonderer Ausstellungsgüter der Halleschen bzw. Wittenbergischen Reliquiensammlungen beenden: das Fett des heiligen Laurentius, das bei der Bratfolter vom Rost getropft sein soll, das Wachs von der Sterbekerze Mariens, die ägyptische Finsternis in Flaschen, der Atem Jesu, der Kot der Palmeselin, auf der Jesus nach Jerusalem geritten ist, und zum Schluss: Eier und Federn des Heiligen Geistes. Die letztgenannten Reliquien aus der Halleschen Sammlung befinden sich nunmehr in Mainz. – Ich glaube nicht, dass man sie zu sehen bekommt. Dr. Manuel Tögel (2007) Unitarische Freie Religionsgemeinde K.d.ö.R., Frankfurt am Main (gegr. 1845)


Zitate aus dem “Pfaffenspiegel”

S. 10f : Die Kirche blieb nicht zurück. Die alten und bereits beiseite gestellten Dogmen und Reliquien wurden aus der römischen Rumpelkammer wieder vorgesucht, und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten Jahrhunderts die gläubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen Rock Christi anzubeten. Die Rockfahrt nach Trier empörte selbst die gebildete katholische Welt. In den von Robert Blum inspirierten sächsischen Vaterlandsblättern erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine große Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch bedeutendere Folgen gehabt haben würde, wenn die Leiter derselben ihrer Aufgabe mehr gewachsen gewesen wären. Sie hatten guten Willen, aber zu wenig Talent. Ich teilte die Hoffnungen vieler und beschloß, mein Teil zur Erfüllung derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien hatten mich mit Dingen näher bekanntgemacht, welche dem Volk von den seine Erziehung eifersüchtig bewachenden Priestern sorgfältig verhehlt oder nur verstümmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden. Ich hatte die Schriften der “Kirchenväter” und die der geachtetsten Kirchenschriftsteller zu lesen, und je mehr ich las und forschte, desto mehr wurde mir die Nichtswürdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar, welches die römische Kirche an der Menschheit verübt hatte, desto mehr erstaunte ich über die unerhörte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein, daß die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in der Kirche wurzelte und daß all unsere Bestrebungen zur Freiheit ohnmächtig sein würden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte. S. 90:. Solcher ungenähter Röcke zeigte man eine ganze Menge, unter anderm zu Trier, Argenteuil, St. Jago, Rom und Friaul usw. Die größte Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstücks in Trier im Jahre 1845, welche die ganze gebildete Welt empörte, veranlaßte eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke, und es erschienen mehrere darauf bezügliche Broschüren, die noch im Buchhandel zu haben und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Röcke haben eine wohlbezahlte päpstliche Bulle für sich, in denen ihre Echtheit bezeugt ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Bestätigung der Echtheit mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug. S. 98f: Seitdem ist aber viel an diesem Loch (gemeint das Loch im Glauben, das durch die Reformation gerissen wurde) geflickt worden, und dieser geflickte Glaube zeigte sich fast stärker als selbst im dunkelsten Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maßregel, die Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen erlebten wir es, daß noch im Jahre 1844 eine Million Wallfahrer nach Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu küssen, der für den Leibrock Jesu ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuze würfelten. Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier großes Ärgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr gelehrte und verständige Männer gaben sich die eigentlich überflüssige Mühe, nachzuweisen, daß dieser “heilige Rock” nichts vor den noch existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafür brachten die Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es nicht für nötig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren. S. 100: Der Erzbischof Arnold von Trier geriet in nicht geringe Verlegenheit, als ihm von zwei Gegenpäpsten zwei Pallien zugeschickt wurden, natürlich mit doppelter Rechnung. Wie er sich aus der Verlegenheit zog, weiß ich nicht, vielleicht durch den heiligen Rock. Sein Nachfolger, Bischof Arnoldi, der 1844 diesen alten Kittel ausstellte, wäre sicherlich nicht um lumpige 60 000 Gulden in Verlegenheit gewesen. Eine Million Wallfahrer, jeder taxiert zu fünf Silberlingen, macht 166 0666 Taler preußisch Kurant oder 300 000 Gulden. Otto von Corvin: Der Pfaffenspiegel, 1845


Wunder aufs neue?

Ach, was leben wir doch in schönen Zeiten oder nicht?  Es wird wieder heilig gesprochen, dazu  bedarf es natürlich einiger Wunder, und das, was schon heilig ist, bleibt auf jeden Fall wunderbar oder doch eher wunderlich? „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“ Ich liebe dieses Zitat aus dem Faust, aus jener Szene, als Faust durch Chorgesang von seinen Selbsttötungsvorbereitungen abgelenkt wird. Natürlich kommt gleich darauf das erste Wunder, Mephisto erscheint und er ist es, der von da an im Drama die Wunder fabriziert. Vielleicht sollte die katholische Kirche genauer die deutschen Klassiker lesen, bevor sie weiter auf Wunder setzt, um heilig zu sprechen oder Hoffnung macht durch Ausstellung von Reliquien, die ihren „Wert“ (in barer Münze) auch erst durch Erzeugung von Wunder gewinnen. Naturwissenschaften kennen keine Wunder. Außergewöhnliche, vorläufig unerklärliche Ereignisse sind nicht Verstösse gegen Naturgesetze. Sie sind eher Hinweise auf Lücken in den bisherigen Theorien, die ergänzt bzw. genauer gefasst werden müssen. Da Naturwissenschaften mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, bedeutet das ferner, dass auch das unwahrscheinlichste Ereignis, sofern sein Wert nur minimal über Null liegt, morgen schon eintreten kann. Dass wir zwei GAUs bei Atomkraftwerken innerhalb 25 Jahren erlebten, schwerere Störfälle unterhalb der GAU-Stufe noch mehr, zeigt, wie wenig Aussagen wie: sowas kann einmal in 100 000 Jahren passieren, hilfreich sind. Nicht umsonst verzichten Wissenschaftler inzwischen auf derartige Aussagen. Ähnliche unerklärliche Geschehen vor allem im Bereich von Heilungen (wo bei Krebs etwa von sogenannten Spontanheilungen gesprochen wird) gelten allerdings bis heute als Wunder. Andere Wunder, bzw. Ereignisse, die als solche bezeichnet werden, sind etwa die Rettung aus Notlagen entgegen der Wahrscheinlichkeit, z.B.  wird nach einem Erdbeben nach 10 Tagen noch jemand lebend aufgefunden. Über eine weitere Wunderkategorie dürfen alle Menschen (zumindest die mit Internetzugang) sogar inzwischen abstimmen. Hier handelt es sich um herausragende kulturelle Schöpfungen oder Naturphänomene, die gemeinhin als Weltwunder bezeichnet werden. Die Antike kannte nur sieben, heute dürfen es schon deutlich mehr sein, immerhin hat sich die Welt, die wir im Blick haben, seit der Antike deutlich vergrößert. Diese letzte Kategorie spielt aber im Bereich des Religiösen keine Rolle. Dort sind jene unerklärlichen Ereignisse wie Spontanheilungen und Rettungen gefragt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich dabei der Wunderbegriff auf positive Ereignisse eingegrenzt hat. Noch im Mittelalter war der Blitzschlag, der einen bösen Menschen traf, auch ein Wunder. Heute wird nur noch das Positive als solches gezählt. Korrekt besehen kennen Hochreligionen wie Buddhismus oder die monotheistischen Religionen keine Wunder als Zeichen des Heiligen mehr, denn ihr Glaube an Gott (in den monotheistischen Religionen) muss unabhängig sein von irgendwelchen Zeichen ihres Gottes. Aber die wenigsten Gläubigen leben nach solch strengen Lehren. In den meisten Religionen verankern Menschen im Alltag ihren Glauben noch gerne über Wunder und werden dafür getadelt. Nicht alle Religionen sind da so „offen“ für den gewöhnlichen Gläubigen wie der Katholizismus, der sich explizit mit Wundern beschäftigt. Er braucht sie ja auch als Anlass zur Selig- und Heiligsprechung, denn diese sind ohne nachgewiesene Wunder nicht vorzunehmen. Die Bedingungen für das, was als Wunder durchgeht, sind streng, allerdings widersprüchlich. Die Faszination durch Wunder heute Wir wissen heute mehr über die Welt als früher, die Vorstellungen der Wissenschaften sind überallhin vorgedrungen, wissenschaftliches Denken und Arbeiten werden inzwischen sogar im Kindergarten gefördert. Und doch ziehen Blutwunder (die angebliche Verwandlung von festem getrockneten Blut ins flüssiges) bis heute die Massen an, wurden vor nicht wenigen Jahren Tausende Liter Wasser aus einer angeblichen Wunderquelle abgezapft, bis diese geschlossen wurde. Das geschah in Deutschland, nicht in einem Land der Dritten Welt, in dem Analphabetismus und mangelnder Bildungszugang vieler solches Handeln eher erwarten ließe. Ist es der Rest des Unerklärlichen, das Menschen an sogenannten Wundern fasziniert oder die Hoffnung, ihnen könne im vergleichbaren Falle auch so ein Wunder zustoßen? Oder brauchen sie Wunder als Abwehr allzu sachlicher Erklärungen, als Zeichen eines „Behütetseins“ in der Welt? Wahrscheinlich suchen Menschen da von allem etwas. Zu beobachten ist, dass es vor allem Krisensituationen sind, in denen Menschen auf Wunder hoffen. Schwere Erkrankungen, Tod nahestehender Personen, Zerbrechen von Familien, Arbeitslosigkeit, bedrohliche Naturereignisse, die Hab und Gut  und Angehörige nehmen, in solchen Zeiten blühen die Wunder und die Suche nach ihnen. Es tröstet, dass wenigstens ein Mensch bei einem schweren Erdbeben gerettet werden kann. Aber was ist mit all den anderen, für die Hilfe zu spät kam? Wurden sie nicht „behütet“ oder hatten sie was angestellt? Oder bei einem Bergwerksunglück in Chile wurden alle verschütteten Bergleute gerettet, auch ohne Hinweis, ob die einen gut lebten, die anderen schlechte Menschen waren, und da war es die menschliche Ingenieurskunst und der Durchhaltewillen der Verschütteten, die sie wieder ans Tageslicht brachten. Ein Wunder? Nicht nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit. Nun werden bei der neuen Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier keine Wunder versprochen oder gar erwartet, aber so heißt es in der Ankündigung , man glaube darauf dass auch heute Jesus „erlösend und heilend am Werk“ sei. Die Einheit der Christenheit ist dabei das Ziel laut Kirchenoberen, aber was ist mit den einzelnen Personen, die sich auf den Weg machen aus allen möglichen schwierigen Situationen heraus? Ich erinnere mich nach einer freireligiösen Radioansprache erhielt ich einen Anruf. Genau erinnern an das Thema kann ich mich nicht mehr, da ich die Aufnahme immer ein paar Tage zuvor abliefern muss, aber der Anruf prägte sich mir ein. Ein Mann rief an, der nach seinem Bericht plötzlich blind und gelähmt wurde, ohne Hoffnung durch die Ärzte auf eine Heilung, und der selbst weiter an einer möglichen Genesung festhielt, alle Wallfahrten mitmachte und auf ein Wunder hoffte, seine Umgebung mit ihm. ER bedauerte mich, da ich mich in der Senund als Nicht-theistin und Humanistin bezeichnete hatte, wie ich denn ohne einen solchen Glauben überhaupt leben können. Im Gespräch wurde mir deutlich, dass er auch aus seiner grausamen Situation mehr machen könnte als er tat, aber dass ihn die Wunderhoffnungen dort festhielten und ihm nicht aus seiner Grundverzweiflung heraus halfen. Mein Verzicht, in einem Gottesglauben Zuflucht zu suchen, hatte ihn erschüttert. Ähnliche Gespräch gibt es immer wieder, und jedes Mal ist zu spüren, dass dahinter eine Verweigerung liegt, die gemachte Erfahrung von Krankheit, Leiden, Verlust und Tod anzunehmen und sich darauf einzustellen, sondern dass nur die Wiederherstellung der alten Situation interessiert. Diese Verweigerung hat individuelle und soziale Ursachen. Wenn einzelne auf Wunder hoffen hängt das mit auch mit ihren eigenen Unsicherheiten zusammen, mit einem negativen Selbstbild, und diese sind viel schwerer zu ändern als eine positive Sicht der eigenen Person. Das hört sich verrückt an, weil man doch meint, Minderwertigkeitsgefühle udn Angst wären doch alle gerne los, aber Menschen mit negativem Selbstbild akzeptieren auch negative Erfahrungen viel leichter als positve, denn die passen zu ihnen. Es fällt schwer, an grundlegenden Selbstbildern etwas zu ändern. Wer dazu noch gelernt hat, dass Hilfe vor allem von außen kommt und nicht von einem selbst, ist für Wunder deutlich anfällig. Das Wunder und die religiöse Sozialisation Wer gelernt hat, dass Erlösung von außen kommt, wie Religionen mit einem transzendentalen Gottesbild lehren, braucht Wunder mehr als Menschen, die von sich erwarten, wenigstens ein bisschen an einer Situation selbst etwas ändern zu können, oder die sich sagen, wie viele ältere freireligiöse Mitglieder dies tun: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“. Aber warum jetzt noch Wunder erwarten? Nun ist die religiöse Sozialisation bei weitem nicht mehr so stark wie noch vor wenigen Generationen, aber die Begeisterung  für Wunder ist geblieben. Warum? An der grundlegenden Situation der Menschen hat sich nichts geändert. Sie werden krank, sterben, verlieren Angehörige durch Tod, erleben Konflikte und Trennungen, verlieren Arbeit werden von Naturereignissen um ihren Besitz gebracht wie eh und je. Sie hören große Worte von wissenschaftlichen Fortschritten, erfahren aber ihr Ausgeliefertsein vielleicht vor diesem Hintergrund noch schärfer, auch durch die menschlichen Fehler, die im Umgang mit der Natur gemacht werden. Sie verinnerlichen den gesellschaftlichen Mythos, dass jeder seines Glückes Schmied sei, beobachten auch manches entsprechende Beispiel, erleben aber für sich selbst viel öfter, dass sie an Grenzen stossen, eigenen wie von anderen gesetzte. Um sie herum wird von großen Bedrohungen gesprochen: Umweltkatastrophe, Finanzkrise, Bevölkerungsexplosion und viel fragen, was das eigene Handeln denn angesichts der Größe der Probleme überhaupt bewirken könne. Die persönliche Sicherheit des einzelnen ist erheblich gewachsen. Umso unerträglicher sind die verbleibenden Sicherheitsrisiken. Da diese teilweise nie zu beseitigen sind, bleibt nur die Aussicht auf Wunder. Je unverständlicher die Welt wird in der rationalen Erklärung, umso bereitwilliger öffnen sich viel der Irrationalität. Je größer die Versprechen der Gesellschaft werden auf Glück, und je größer die Anstrengungen des einzelnen dabei werden müssen, um mitzuhalten, umso mehr entlastet die Aussicht auf Wunder. Außerdem schafft Wunderglaube Gemeinschaft. Sich zu Hunderten, Tausenden einzufinden, um auf eine Marienerscheinung zu warten,  Quellwasser abzuzapfen, macht deutlich, dass man nicht allein ist. Es erhebt, Teil einer gleichgesinnten Menge zu sein. Oft erlebte häusliche Einsamkeit und Verzweiflung werden durchbrochen, Ichgrenzen im Bad der Menschen schwächer, Empfindungen stärker, sonst nicht zu erfahrende Gefühle von Entzückung und Begeisterung können erlebt und dürfen ausgedrückt werden. In einer Gesellschaft, in der so vieles nur Erlebnisse aus zweiter Hand darstellen, stellen Wunder scheinbar harmlose Möglichkeiten zu intensivem Gefühlserleben dar. Harmlos? Sie können bei Ebay Toasts mit Wunderabbildungen von Jesus oder Maria ersteigern, Sie können sich von Pastoren Wundermittel kaufen zur Stärkung der Gesundheit. Sie können viel Geld für leere Versprechen ausgeben. Sie können die Augen vor dem Restrisiko unseres Lebens, dem Tod schließen und sich einfrieren lassen, in der Hoffnung, dass jemand das Wunder der Auferstehung an Ihnen nachvollzieht. Es belastet zuerst einmal Ihren Geldbeutel, aber belasten solche vergeblichen Hoffnungen nicht auch Ihr Leben? Verschließt man nicht auch die Augen vor den Möglichkeiten, die noch gegeben sind, und was nutzt die Suche nach einer Heilung anderswo, wenn zu Hause doch wieder nur die Einsamkeit wartet? Auch da gibt es vielleicht mehr Menschen, mit denen man gemeinsam etwas tun kann als gedacht.  Vor Ort sind die Lebensmöglichkeiten, die Wunder täuschen nur vor, es hätte sich etwas geändert, wenn alle sdoch gleich geblieben ist. Ist Ihnen nicht Ihre Kraft für solche „Hoffnungen“ zu schade? Und zum Staunen und Wundern gibt es genügend Gelegenheiten, wenn Sie einfach mal nach draußen gehen, Kindern zusehen, ein Blatt beobachten, wie es in der Sonne leuchtet, oder beim Regen glänzt. Renate Bauer Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz K.d.ö.R.