Benutzer:Illusion/Bildungspolitische Illusionen
Erstmal ein paar grundlegende Gedanken zur Analyse der bestehenden Probleme...
"Bildung" & "Erziehung"
Hm. Jo. Für die meisten Menschen erscheinen "Bildung" und "Erziehung" als das Selbe. "Erziehung" klingt etwas praktischer orientiert, das nutzt man besser, wenn man von Kindergärten spricht. "Bildung" klingt nobler.
Und "Bildungspolitik" wirkt deutlich eleganter, als "Erziehungspolitik". Also hat kaum jemand ein Problem damit, "Erziehung" zu machen, aber sie "Bildung" zu nennen.
Nur ein paar wenige "Korinthenkacker" gehen penibler mit diesen Begriffen um. Und betonen dann irgendwelche Unterschiede.
Zum Beispiel den, dass der Begriff "Erziehung" nicht ganz zufällig gut zum "Kindergarten" passt: Er entstammt der Gärtnerei. "Er-ziehen" hat wirklich was mit "ziehen" zu tun. Damit, Pflänzchen zu "ziehen". Und sie bei Bedarf in die rechte Form zu "ziehen". Möglichst gerade. Ein Pflänzchen wie das andere. Wildwuchs sollte "unterbunden" werden. Kreativität und Individualität sind hier genaugenommen nur Störgrößen. Aber: Was nicht ins Schema passt, wird passend gemacht. Oder "ausgemärzt".
ErzieherInnen erziehen Zöglinge. Aktives Subjekt der Erziehung sind die Erziehenden. Zöglinge sind bei diesem Prozess Objekte. Also passiv. Zumindest sollten sie das sein. Zöglinge, die selbst aktiv sein wollen haben ihre Rolle nicht verstanden und sind damit schnell "zu aktiv". Aber für diese "Hyperaktivität" gibt es mittlerweile ja Psychopharmaka.
"Bildung" dagegen entstammt der deutschen Theologie. Meister Eckhart leitete ihn von der "imago dei", also der "Ebenbildlichkeit Gottes" ab und Martin Luther griff ihn später wieder auf:
"Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau."(Genesis / 1. Buch Mose 1,26f.)
Das Wesentliche an dieser Idee: Hier wird JEDER Mensch schon von Natur aus als Schöpfung Gottes verstanden - und verdient alleine deshalb schon Respekt. Und in JEDEM Menschen steckt göttliches, also wertvolles.
"Bildung" meint den Prozess der Entfaltung dieser wertvollen Anlagen, also letztlich die Entfaltung der Persönlichkeit (vgl. GG Art. 2). Einschließlich ihrer jeweils ganz besonderen Individualität und Kreativität. Keine Störgrößen hier. Sondern Bereicherung.
Eine Person wird nicht entfaltet. Sie entfaltet sich selbst - sofern ihr die Möglichkeiten und notwendigen Freiräume dazu geboten werden. Entsprechend wird niemand durch andere "gebildet".
Aktives Subjekt eines Bildungsprozesses ist also die sich bildende Person. Der Begriff "Bildner" wirkt zu Recht sehr befremdlich. LehrerInnen können SchülerInnen nicht "bilden" - das können nur die SchülerInnen selbst. LehrerInnen könnten aber Freiräume schaffen, könnten "Bildung" in gewissem Umfang provozieren (also "Stein des Anstoßes" für Lern- und Reflektionsprozesse sein), könnten ermutigen (statt "demütigen") und könnten - bei Bedarf - auch Hilfestellungen geben.
Könnten!
Wenn sie nicht primär in einem "Erziehungs-", sondern in einem echten "Bildungssystem" arbeiten würden. Und selbst verstehen würden, worum es eigentlich geht.
"Erziehung" hat in einem echten "Bildungssystem" genau da ihren Platz, wo gezielte Eingriffe notwendig sind, um SchülerInnen und ihr Recht und ihre Chancen auf freie Entfaltung zu schützen. Zum Beispiel vor Mobbing durch andere. Erziehung sollte hier also die Ausnahme sein. Nicht die Regel.
Aber wie schon gesagt... dass es bei "Bildung" und "Erziehung" nicht so ganz exakt um das Selbe geht, sondern um zwei völlig konträre Welt- und Menschenbilder, ist eine Tatsache, die man getrost ignorieren kann...
Wenn einem egal ist, was in Schulen und im Leben danach tatsächlich passiert.
Der Begriff "Leistung"
Nach W. Brezinka wird Leistung als mit Anstrengung verbundene Erfüllung bestimmter Anforderungen verstanden. (Das Originalzitat habe ich im Moment leider nicht griffbereit - meine Wohnung ist zu klein für viele Regale und im Keller stehen etwa 40 Meter Bücher - immernoch in Umzugskartons...)
Erfüllung bestimmter Anforderungen...
WER fordert? Und vor allem, WER bestimmt?
Ist Selbstbestimmung auch legitim? In Deutschland?
Oder muss es Fremdbestimmung sein? Und falls ja - gilt das nur in den Schulen? Oder auch für das Leben, auf das sie ja angeblich vorbereiten sollen?
Ist "Leistungsbewusstsein" also nur ein netteres Wort für "Hierarchie-Bewusstsein" oder "Untertanen-Mentalität"?
Aber gut. Vielleicht dramatisiere ich die Dinge zu sehr. Und "unterrichten" klingt sicher nur rein zufällig nach "unter" und "richten". LehrerInnen sollen SchülerInnen ja nicht wirklich "richten". Sondern "beurteilen". Unter anderem. Und unter andere. Auch in einer Klasse muss man ja unterscheiden können. Wer gut ist und wer schlecht. Und wer später im Berufsleben oben und wer weiter unten steht. Und wer dann über die Anforderungen an andere bestimmen darf...
Wer diesen Leistungsbegriff hochhält, wird "Leistung" zu schätzen wissen. Die Leistung eines guten Schülers verdient besondere Anerkennung. Weil Leistung an sich ja gut ist. Die Leistung eines guten Handwerkers, eines guten Arztes, eines guten Profikillers, eines guten "Mauerschützen" oder eines guten KZ-Aufsehers. Solange sie sich erfolgreich anstrengen, die von wem auch immer bestimmten Anforderungen gut zu erfüllen.
Hm... diese Haltung wäre wohl typisch deutsch.
Vielleicht ist nicht jede Erfüllung bestimmter Anforderungen wirklich wünschens- und schätzenswert. Vielleicht ist manchmal sogar die bewusste Nichterfüllung fremder Anforderungen die bessere Wahl.
Mitdenken. Mitreden. Mitbestimmen. Und nicht immer gleich blind Erfüllungsgehilfe sein...
Vielleicht brauchen wir einen "kritischeren" Leistungsbegriff. Der im Einzelfall sogar mal eine reflektierte "Leistungsverweigerung" als schätzenswerte "Leistung" begreift. Und anerkennt, dass "mehr" nicht immer auch wirklich "besser" meint.
Ziffernoten
Ziffernoten dienen der sogenannten "Leistungsmessung".
"Messung" meint die Abbildung eines empirischen auf ein numerisches Relativ. Einfacher gesagt: Man beobachtet etwas und packt es dann in eine geeignete Schublade, die aus Gründen der Ordnung und Sortierung gerne mit einer Zahl "nummeriert" und mit einer tauglichen Maßeinheit versehen wird. Wenn ein Thermometer verrät, dass es draußen 10°C hat, können wir daraus ableiten, dass wir uns wärmer anziehen sollten, als bei 20°C.
Viele physikalische Größen lassen sich durch "Messung" in "Ratio-Skalen" abbilden. Das sind Schubladensysteme, bei denen sich Reelle Zahlen (zumindest die positiven davon) als "Nummern" für die Einzelschubladen eignen. Dann kann man nett damit herumrechnen. Objektive Aussagen wie: "Karlheinz ist eineinhalb mal so groß wie Kurt und wiegt doppelt so viel" sind damit möglich.
Voraussetzung für Multiplikationen und Divisionen ist hier ein realer Nullpunkt. Es gibt eine Länge = 0 bzw. eine Masse = 0. Das heißt, es gibt zumindest eine Vorstellung davon, dass diese Größen an irgendetwas auch gar nicht vorhanden sein könnten.
Schon bei der Temperatur in der Celsius-Skala klappt das nicht mehr: Zu behaupten, dass 20 °C doppelt so warm ist wie 10 °C mag im ersten Augenblick noch plausibel klingen. Aber dann wären konsequenterweise -20 °C eben auch doppelt so warm wie -10 °C. (Die Temperatur-Skala nach Kelvin baut auf den natürlichen absoluten Nullpunkt auf und löst damit dieses Problem).
Die Celsius-Skala ist keine Ratio- sondern nur eine "Intervall-Skala". Der Unterschied zwischen 10 °C und 20 °C ist tatsächlich so groß, wie der zwischen 80 °C und 90 °C. Additionen und Subtraktionen von Celsius Werten sind also sinnvoll möglich.
Wenn man Leistungen von SchülerInnen misst, hat das mit objektiv vorliegenden, physikalischen Größen wenig zu tun. Ein "power is work per time" wird zwar gerne mal zitiert, trotzdem wird niemand ernsthaft auf die absurde Idee kommen, Schülerleistungen in Watt oder Kilowatt zu messen.
Schülerleistungen sind an sich keine objektiven Größen (wenn man eventuell von bestimmten praktischen Leistungen mal absieht). Sie sind Leistungen von Subjekten, die von anderen Subjekten nach subjektiven Kriterien schubladisiert werden. Bestenfalls sind diese Kriterien "inter-subjektiv" - das heißt, mehrere Subjekte einigen sich auf vergleichbare Maßstäbe. Letztlich bleiben diese Maßstäbe aber zwangsweise "willkürlich".
Ziffernoten stellen weder eine Intervall- noch eine Ratio-Skala dar. Eine "Vier" ist nicht automatisch genau so viel besser als eine "Sechs", wie eine "Eins" besser ist als eine "Drei". Und dass eine "Vier" doppelt so gut oder schlecht wie eine "Zwei" und damit viermal so gut oder schlecht wie eine "Eins" sein soll... hmpf...
Dieser Satz klingt idiotisch. Aber er ist tatsächlich die mathematische Basis unserer besonders objektiv erscheinenden Notenrechnerei.
Ziffernoten sind einfach nur "Ordo-Skaliert". Also "geordnet". Das heißt, eine "Eins" ist irgendwie "besser" als eine "Zwei" und die "besser" als eine "Drei" usw. Damit kann man ein wenig sortieren. So wie man die Worte im Duden nach ihren Anfangsbuchstaben sortiert. Aber die Berechnung von "Durchschittsnoten" zur Charakterisierung von "SchülerInnen" ist wissenschaftlich betrachtet der selbe Schwachsinn, als würde man aus dem Duden ein "Durchschnittswort" der deutschen Sprache errechnen, um diese dann damit zu "charakterisieren".
Konkret:
Ziffernoten werden genutzt, um eine "Objektivität" vorzutäuschen, die weder von der gemessenen Sache her, noch von den verwendeten Messinstrumenten gegeben ist. Diese scheinbare Objektivität gibt dem ganzen Humbug eine pseudo-wissenschaftliche Autorität, wie man sie - aus dem selben Grund - bei Astrologen, Ufologen oder Kaffeesatz-LeserInnen findet.
Sie ersetzen offene Willkür durch quasi automatisierte Schein-Rechnereien - was es für viele LehrerInnen (nicht für alle - einige denken mit!) bequemer macht, weil die Rechenspiele sie von individueller Verantwortung enlasten.
Faktisch sind sie ein Mittel anonymisierter, d.h. "struktureller Gewalt" (im Sinne Johan Galtungs) - und verschärfen die Wirkung auf ihre Opfer, denen nun besonders glaubwürdig vorgerechnet werden kann, dass sie objektiv "mangelhaft" oder "ungenügend" sind.