Benutzer:Hase
| Kurzprofil | |
|---|---|
| Persönlich | |
| Name: | Hartmut Semken |
| Nick: | Hase |
| Berufl. Qual.: | Entwicklungs- und Projektingenieur (angestellt) |
| Tätigkeit: | Ingenieur für Hard- und Software |
| Geburtstag: | 14.1.1967 |
| Politisch | |
| Partei: | Piratenpartei Deutschland |
| Landesverband: | Berlin |
| Kontakt | |
| Webmail: | Form-Mailer |
| Mail-Adresse: | hase (an) hase (dot) net |
Name: Hartmut Semken
Grummel
Das war ein herber Schlag: die Vorgeschichte meines Rücktritts als Landesvorsitzender im Mai hat Spuren hinterlassen in meiner Stimmung, meiner Seele, meinem Selbst.
Vor allem habe ich mir eine Frage stellen müssen: bin ich noch Pirat?
Die kurze Antwort: ja.
Die lange Antwort muss einen Verlauf darstellen.
Unmittelbar nach dem Rücktritt war meine Stimmung am besten mit "alles Dreck" und "macht doch euren Sch*** alleine!" beschrieben.
Von da habe ich mich wieder zum "bin noch dabei" durchgearbeitet.
Der LV Berlin hat schon mehrere aktive und engagierte Piraten verloren.
Die Geschichte ist häufig ähnlich: Fehler gemacht, mit Verachtung überschüttet, in der Versenkung verschwunden.
Genau dort könnte ich mich einreihen.
Diese Option habe ich immer noch.
Interessant war es für mich, zu erfahren, dass bei vielen der exponiert lebenden Piraten (Mandats- und Amtsträger) inzwischen unter dem Stichwort "Exit-Strategie" sich eingebürgert hat, die Rück- und Austrittserklärung fertig ausgedruckt und unterschrieben (nur mit offenem Datum) ständig an der Person (bei XY-Chromosomalen also "am Mann") zu tragen.
Und in die Reihe dere, die jeden Tag den Rücktritts oder Austrittsgedanken niederkämpfen und weitermachen - trotz oder grad weil die Priaten auf den Hund zu kommen drohen - will ich mich einreihen.
Ja, in der Tat, ich sehe die Piraten auf den Hund kommen.
Dafür sprechen verschiedene Anzeichen
- Anträge zur Programmatik werden weichgespült, der "Schwafel-Faktor" steigt in der Sprache
- Kampfbegriffe werden häufiger eingesetzt
- Totschlagargumente werden verwendet
Hinzu kommt die wachsende Auswirkung der Machtallergie, die immer mehr zur Auto-Immunkrankheit der Piraten wird.
Die Machtallergie speist sich nach meiner Überzeugung aus dem Grundmistrauen, das der typische Pirat dem typischen Politiker entgegenbringt: "alles Verräter, korrupte, Machtmisbraucher" charakterisiert diese Grundhaltung.
Die machtskeptische Grundhaltung ist Teil der Motivation, Pirat zu werden: politisch engagieren kann man sich auch andernorts, in Parteien und sozialen Organisationen.
Eine aus Protest geborene Partei wie die Piraten bietet sich aber vor allem dann an, wenn man eben "gegen das System" oder eben gegen die Verderbtheit (für den Lateiner ist das dasselbe wie Korruptheit) der Politik angehen will.
Spätestens seit die Dritte Welle - so nenne ich die Eintritte seit September-11 - auch eine bis dahin völlig ungewohnte Zahl von Karrieristen in die Partei gebracht hat, ist ein gesundes Mistrauen gegenüber Personen, die sich exponieren, die Macht akkumulieren wollen, auch innerhalb der Partei gerechtfertigt.
In der Zweiten Welle war die Partei noch durch andere Motivationen geprägt: es gab keine Mandate.
Die Aussicht auf Mandate lag in der fernen Zukunf - noch im Wahlkampf 2010/11 habe ich wie die meissten nicht mit einem Einzug in das AGH gerechnet, auf 3,5% bis 4,2% habe ich unser Potential geschätzt.
Unter solchen Umständen ist die Motivation der Spass an der Sache, die Freude daran, Politik mitzugestalten, gesellschaftlich etwas positives zu bewirken.
Die Piraten waren im besten Sinne eine Spaßpartei
Der Einzug in das erste Landesparlament hat das verändert: richtete sich die Machtallergie bis dahin vor allem gegen die Altpolitik fand sie nun auch innerhalb der Partei ihre Ziele: Vorstände, Mandatsträger wurden zu "denen da oben" die "man" bekämpfen darf, ja geradezu muss.
In diesem Zustand ist die Partei aktuell, damit muss jeder umgehen.
Sowohl diejenigen, die ihre Pubertät schon hinter sich haben als auch jene, die für immer auf ihrem pubertären Trip hängenbleiben wollen.
Nichts gegen Pubertät: sie ist ein notwendiger Zustand.
Nur aus dem zutiefst pubertären Gefühl "das kann ich besser" heraus entsteht eine Motivation, das Risiko des Scheiterns einzugehen.
Jeder Fortschrtt ist darin begründet.
Aber auch hier macht die Dosis das Gift.
Ich habe ja so meine eigene Vorstelung, wie unsere Gesellschaft durch die zeitliche Trennung von Pubertät (so ca. 14 bis 15 Jahre Lebensalter) und "erwachsen"-Definition (18 Jahre, früher gar 21 Jahre) dazu beiträgt, dass mehr Menschen auf einem pubertären Trip hängenbleiben als in Gesellschaften, die schon die 14-jährigen zumindest zum Teil initiieren und vor allem Verantwortung aussetzen.
Verantwortung ist überhaupt so ein Schlüsselbegriff, denn er ist das andere, das unsexy Wort für Freiheit.
Wer glaubt, Freiheit sei dann erreicht, wenn man für seine Handlungen keine Verantwortung übernehmen muss, der irrt.
Den Lebenszustand ohne Verantwortung nennt man gemeinhin Kindheit.
"Eltern haften für ihre Kinder" ist der Kernsatz; jeder kennt ihn.
Dieser Zustand ist einerseits wunderschön, kuschelig, wohlig, umsorgt, geborgen.
Aber eben nicht frei.
Die Eltern-Kind-Bindung - eine der stärksten menschlichen Bindungen überhaupt - muss aufbrechen, soll die Nachfolgegeneration über die ihrer Eltern hinauswachsen können. Dafür ist die Pubertät da, in der Teenies so unerträglich werden, dass man als Eltern sie nur noch rauswerfen will, und in der sich die Junglinge alles zutrauen - auch Leistungen, die sie (noch) nicht liefern können. So gehen sie dann Risiken ein, fallen ggf. aufs Knie, stehen wieder auf und lernen, Verantwortung zu übernehmen.
Wenn das ausbleibt, dann entstehen Persönlichkeiten, die Verantwortung vor allem bei anderen suchen.
Die berüchtigten Beispiele von US-amerikanischer Produkthaftung (heisser Kaffee, Katze im Wäschetrockner) kommen hier ins Bild.
Aber auch "die Märkte lassen nicht zu, dass ..." aus der Politik.
Die Grundhaltung, dass immer irgendjemand anders verantwortlich ist, jemand anders Schuld ist, hat sich imho in den letzten 30 Jahren fest einzementiert in der Gesellschaft in Deutschland.
Dieser Krebs muss entfernt werden.
Ich habe die Piraten als Speerspitze dieser Bewegung empfunden, als ich beitrat. Und das war die eine Hälfte des "ich bin hier zuhause"-Gefühls, das sich dann ergab.
Die andere Hälfte resultierte aus der Politik des Gleichwertes, für die die Piraten stehen.
Der Grundgedanke kann in dem Satz "Du und ich, wir sind total verschieden, aber gleich viel wert" dargestellt werden.
In der Praxis hat das dann Konsequenzen wie die Offenheit für alle Menschen, allgemeines Antrags- und Rederecht für alle natürlichen Personen, gleiches Stimmrecht für jeden und so fort.
Kern all dessen ist aber immer der Gleichwert.
Ein Mensch wird damit taxiert auf einer Skala, auf der alle Menschen gleich abschneiden. Die "Net Worth"-Skala, die Menschen anhand eines Geldwertes taxiert, ist eine völlig andere, eine widerwärtige.
Auch die Bewertung von Menschen nach ihrer "employability" oder nach dem Marktwert ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten ist an deiser Stelle fremd bis widerlich.
Die Marktwert Ansichten sickern aber auch bei den Piraten gelegentlich ein; auch hier sehe ich eine Gefahr, dass die Partei auf den Hund kommt, sich von ihrer Gleichwert-Wurzel ablöst.
Wer genauer hinsieht, der merkt, dass diese beiden Positionen einen Spannugnsbogen bilden, scheinbar im Widerspruch stehen.
Ausdruck des Gleichwertes ist ein Engagement für die Unterstürzung von Personen mit schwacher Marktposition; dies ist eine soziale und fürsorgliche Position.
Treibt man die Freiheit=Verantwortung-Position auf die Spitze, dann kommen so krude Argumentationen wie die Praisgebühr ("Eigenverantwortung") oder Sanktionen gegen Leistungsempfänger nach SGB-II (ebenfalls gern unter "Eigenverantwortung" verargumentiert) heraus.
Diesen Spannungsbogen sehe ich sehr klar, genau deshalb ist mir wichtig, dass meine Partei den richtigen Punkt innerhalb des Spannugnsfeldes sucht und vertritt.
Bin ich noch Pirat?
Ja.
Jedenfalls so lange, wie nicht verscuht wird, den oben dargestellten Spannungsbogen zu zerreissen und in eine Extremposition abzugleiten.
Aktueller Lesestoff
http://www.uni-due.de/edit/spindler/Sozialarbeit_und_Armut_Spindler_2007.pdf