AG Forschungs- und Wissenschaftspolitik/Entwurf
Inhaltsverzeichnis
- 1 Wissenschaft und Gesellschaft
- 1.1 Präambel
- 1.2 Die wirklich relevanten Themen müssen stärker aufgegriffen werden
- 1.3 Wissenschaft hat häufig durchaus Recht, verschafft sich aber nicht ausreichend Gehör
- 1.4 Die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis müssen transparent werden
- 1.5 Mehr Transparenz über Außenseitermeinungen
- 1.6 Mehr Transparenz über Interessenleitung der Wissenschaft
Wissenschaft und Gesellschaft
Präambel
Öffentlich finanzierte Wissenschaft ist eine Investition der nationalen und transnationalen Gesellschaften in ihre Zukunft. Daran ist die öffentlich finanzierte Wissenschaft strikt zu messen. Diese Zielsetzung umfasst nicht nur die Schaffung der wissenschaftlichen Basis ökonomischer Werte, sondern mindestens gleichrangig die Entfaltung kultureller Werte und die kritische Begleitung gesellschaftlicher Entwicklungen. Dies soll durch die interdiszplinäre Gemeinschaft aller Fakultäten und Institutionen unter Berücksichtigung des wissenschaftlichen Bildungsauftrags geschehen. Die Schwerpunktbildung bei der Forschungsförderung soll gemäß diesen Zielsetzungen nachjustiert werden.
Der Bildungsauftrag der Wissenschaft soll erweitert werden auf die systematische und objektiv-neutrale Aufklärung der interessierten Öffentlichkeit: Zu allen Fragen von gesellschaftlicher Bedeutung, bei deren Beantwortung Wissenschaft eine Rolle spielt, soll die Öffentlichkeit in allgemein verständlicher, aber dennoch präziser Form und an leicht auffindbaren, allgemein bekannten Stellen im Internet über den aktuellen Stand der Wissenschaft unterrichtet werden. Diese Aufbereitung dient zugleich der Öffentlichkeit zur kritischen Prüfung der öffentlich finanzierten Wissenschaft und ihrer Ergebnisse.
Um diese Zielsetzungen zu erreichen, muss zudem von staatlicher Seite die notwendige Informations- und Bildungsinfrastrukur geschaffen werden.
Die wirklich relevanten Themen müssen stärker aufgegriffen werden
Ein Teil der Forschungsförderung soll in die systematische Klärung und allgemein verständliche Aufbereitung von Fragen gehen, die als gesellschaftlich besonders wichtig einzustufen sind. Alles was unmittelbar nützlich ist, einer größeren Zahl von Menschen die Menschenrechte zu garantieren (sei auch es in anderen Ländern oder in der Zukunft), sollte besonderen Vorrang bekommen. Dazu zählt auch Forschung, die gesellschaftliche Transparenz über Problemlagen schaffen hilft, z.B. durch kritische Sozialforschung. Dies betrifft die ganze Skala von den großen Menschheitsproblemen über spezifische Fragen der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung bis hin zu den vielfältigen Themen, bei denen die Menschen in ihren alltäglichen Entscheidungen mit Wissenschaft konfrontiert sind.
- Wichtigstes Beispiel zum Stichwort "Menschheitsprobleme": Die Vereinten Nationen beschlossen im Jahr 2000 die sogenannten "Millenium Development Goals" als wichtigste Ziele unserer globalen Gesellschaft Anfang des 21. Jahrhunderts. Alle diese Ziele haben auch eine wissenschaftliche Komponente. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat diese Initiative schon aufgegriffen (siehe hier) und fördert auch darüber hinaus Projekte in diesem Themenkreis. Dieses Engagement soll deutlich erweitert und intensiver in den Wissenschaftsbetrieb getragen werden, und der aktuelle wissenschaftliche Stand soll in allgemein verständlich aufbereiteter Form der Öffentlichkeit zugänglich sein.
- Beispiele zum Stichwort "spezifische Fragen":
- Bei politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen spielen wissenschaftliche Ergebnisse inzwischen regelmäßig eine große Rolle. Der aktuelle wissenschaftliche Stand zu jeder wichtigen Frage soll für jeden Entscheider und jeden interessierten Bürger allgemein verständlich vorliegen und permanent zeitnah aktualisiert werden. Es sind Forschungseinrichtungen Mittel für Ausbau und Pflege ihrer Netzpräsenz zu gewähren.
- Die Forschung zu ethischen Fragen oder auch zur Folgeabschätzung von Technologie sollen konsequent so vorangetrieben und für die Öffentlichkeit aufbereitet werden, dass Entscheidern und interessierten Bürgern eine möglichst fundierte Meinungsbildung ermöglicht wird.
- Beispiele zum Stichwort "Alltag": Das Alltagsleben ist inzwischen in vielfältiger Weise durch die Wissenschaft durchdrungen, bspw. bei Medizin und Ernährung, Erziehung und Bildung, bei der Auswahl technischer Produkte, beim Versuch seinen ökologisch Fußabdruck zu vermindern, und vieles mehr.
/Hauptquellen zurzeit sind Zeitschriftenartikel, "Ratgeberbücher", TV-Ratgebersendungen u.ä., deren Qualität nicht einschätzbar ist. Eine systematische, allgemein verständliche Aufbereitung des wissenschaftlichen Stands zu solchen Themen ist ebenfalls erforderlich. /Warnung: dies scheint mir unrealistisch, wg. zu hohem Personalaufwand und womöglich mit Eingriffen in die Pressefreiheit verbunden zu sein.
Wissenschaft hat häufig durchaus Recht, verschafft sich aber nicht ausreichend Gehör
Häufig interpretieren Medien, Politiker und Lobbyisten sehr freizügig wissenschaftliche Ergebnisse bzw. lassen missliebige Ergebnisse unter den Tisch fallen. Oft genug geschieht dies nicht einmal absichtlich, sondern aus Unverständnis.
Bei jedem Bezug auf wissenschaftliche Ergebnisse im öffentlichen Raum soll daher durch genauen Quellennachweis transparent sein, was die wissenschaftlichen Ergebnisse tatsächlich sind, und welche Schlussfolgerungen die verantwortlichen Wissenschaftler selbst aus ihren Daten gezogen haben.
(Warnung: dieser Anspruch besteht bereits jetzt! Quellennachweise unterscheiden ja gerade höher- von minderwertigen Publikationen; aber keiner kann ohne Eingriff ins Recht auf Redefreiheit dazu gezwungen werden und dieses Recht muss auch verteidigt werden)
Wissenschaftler sollen ermuntert werden, sich bei falschen Darstellungen über ihr Fachgebiet vermehrt in öffentliche Debatten einzumischen und Tranzparenz über den Stand der Forschung herzustellen. Dazu sind Fördermittel und öffentliche Diskussionsforen bereitzustellen sowie seitens Universitäten und Instituten personelle Kapazitäten vorzuhalten.
Die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis müssen transparent werden
Selbst unter Einhaltung aller Standards können wissenschaftliche Arbeiten keine letztgültigen Ergebnisse liefern. Diese Tatsache hat gewichtige Konsequenzen, insbesondere:
- Einander widersprechende wissenschaftliche Ergebnisse.
- In Bereichen wie etwa der Ökonomie: die allgemein bekannte Flut von Prognosen, die sich im Nachhinein als unzutreffend herausstellen.
Zur allgemein verständlichen Aufbereitung einflussreicher wissenschaftlicher Ergebnisse gehört daher eine möglichst umfassende Herausarbeitung der Faktoren, die die Gültigkeit der Ergebnisse limitieren. Es ist der Öffentlichkeit jeweils zu erklären, was etwa mit dem Signifikanzniveau statistischer Ergebnisse gemeint ist. Zudem gehört dazu eine Rückschau, inwieweit ein wissenschaftliches Ergebnis durch neuere Erkenntnisse infrage zu stellen ist bzw. inwieweit Prognosen tatsächlich eingetroffen sind. Privatwirtschaftliche Forschung darf nicht länger ihr nicht genehme Forschungsergebnisse verschweigen und nur erwünschte Ergebnisse zu publizieren. Insbesondere die Pharmaforschung muss verpflichtet werden, alle von ihr durchgeführte Studien zu einem zur Einführung vorgeschlagenen Wirkstoff zu publizieren, statt nur solcher, die Wirkungen demonstrieren und Nebenwirkungen unterschätzen.
Mehr Transparenz über Außenseitermeinungen
Oft genug hat ist selbst die Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft einem Irrtum erlegen. Beispiele mit extremen Konsequenzen sind Prognose einer baldigen Möglichkeit sicherer Endlagerung von Atommüll und die ökonomischen Lehrmeinungen des Monetarismus bis zur 2008er Krise, die wesentlich für diese Krise mitverantwortlich waren. Andere mehrheitlich vertretene Fehlprognosen, wie jene eines großräumigen Waldsterbens in Europa, hatten dagegen ihre guten Seiten in einem Aufrütteln der Öffentlichkeit, Förderung ökologischen Bewusstseins und Einführung von umweltfreundlichen Technologien.
Sehr viele heute etablierte Lehrmeinungen waren aber ursprünglich Außenseitermeinungen (vgl. den bekannten Ausspruch von Max Planck, zitert nach Wikipedia: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben ...“) und die Wissenschaftstheorien von Fleck, Kuhn u.a.
Bei einem Themenkomplex, zu dem die Wissenschaft einen breiten Konsens erreicht hat, gehört zur allgemein verständlichen Aufbereitung des wissenschaftlichen Stands daher auch eine angemessene sachliche Transparenz über Lehrmeinungen, die diesem Konsens widersprechen.
Mehr Transparenz über Interessenleitung der Wissenschaft
Es ist eine allseits bekannte, traurige Tatsache, die wohl keiner weiteren Belege bedarf, dass Wissenschaft sich häufig von Interessen leiten lässt. Diese sind häufig finanzieller Natur, folgen Vorgaben aus der Politik oder drehen sich um Prestige, Korpsgeist u.ä. Daher sollen alle potentiellen Interessenkonflikte -auch die nichtfinanziellen– öffentlich transparent gemacht werden.
Insbesondere benötigen wir mehr Transparenz über
-zweifelhafte Praktiken der Wissenschaftsverwaltung ([Korruption]http://www.heise.de/tp/artikel/30/30714/1.html)
-zweifelhafte Themen und Ziele ([Gefährung der Menschenrechte oder des Friedens]http://www.heise.de/tp/artikel/30/30714/1.html)
-zweifelhafte ökonomische Motive (Korruption von Außen, Auftragsforschung, [Drittmiteleinsatz]http://www.heise.de/tp/artikel/30/30903/1.html)
-Zweifel aus der Wissenschaft an politischen Eingriffen in Forschung und Lehre ([Bologna-Prozess]http://www.heise.de/tp/artikel/30/30534/1.html)
Hier müssen Whistleblower im Wissenschaftsbetrieb unterstützt und in ihren Rechten geschützt werden sowie mehr Aufmerksamkeit in den Medien generiert werden (Mittel für Netzpräsenz von Universitäten; Förderung von Initiativen, die Forschung und Lehre kritisch begleiten)