AG Forschungs- und Wissenschaftspolitik/Entwurf

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Wissenschaft und Gesellschaft

Präambel

Öffentlich finanzierte Wissenschaft ist eine Investition der nationalen und transnationalen Gesellschaft in ihre Zukunft. Daran ist die öffentlich finanzierte Wissenschaft strikt zu messen. Diese Zielsetzung umfasst nicht nur die Schaffung ökonomischer Werte auf wissenschaftlicher Basis, sondern mindestens genauso auch die kritische Begleitung aller gesellschaftlichen Entwicklungen durch die Gemeinschaft aller Disziplinen.

Um diese Zielsetzung zu erreichen, muss von staatlicher Seite die notwendige Informationsinfrastrukur geschaffen und ein kleinerer, aber ausreichender Teil der Mittel für Forschungsförderung umgewidmet werden für Vorhaben, die der Erreichung dieser Zielsetzungen in besonderem Maße dienen.

Die wirklich relevanten Themen müssen stärker aufgegriffen werden

Ein Teil der Forschungsförderung soll in die systematische Klärung und allgemein verständliche Aufbereitung von Fragen gehen, die als gesellschaftlich besonders wichtig einzustufen sind. Dies betrifft die ganze Skala von den großen Menschheitsproblemen über spezifische Fragen der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung bis hin zu den vielfältigen Themen, bei denen die Menschen in ihren alltäglichen Entscheidungen mit Wissenschaft konfrontiert sind.

  • Wichtigstes Beispiel zum Stichwort "Menschheitsprobleme": Die Vereinten Nationen beschlossen im Jahr 2000 die sogenannten "Millenium Development Goals" als wichtigste Ziele unserer globalen Gesellschaft Anfang des 21. Jahrhunderts. Alle diese Ziele haben auch eine wissenschaftliche Komponente. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat diese Initiative schon aufgegriffen (siehe hier) und fördert auch darüber hinaus Projekte in diesem Themenkreis. Dieses Engagement soll deutlich erweitert und intensiver in den Wissenschaftsbetrieb getragen werden, und der aktuelle wissenschaftliche Stand soll in allgemein verständlich aufbereiteter Form der Öffentlichkeit zugänglich sein.
  • Beispiele zum Stichwort "spezifische Fragen":
    • Bei politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen spielen wissenschaftliche Ergebnisse inzwischen regelmäßig eine große Rolle. Der aktuelle wissenschaftliche Stand zu jeder wichtigen Frage soll für jeden Entscheider und jeden interessierten Bürger allgemein verständlich vorliegen und permanent zeitnah aktualisiert werden.
    • Die Forschung zu ethischen Fragen oder auch zur Folgeabschätzung von Technologie sollen konsequent so vorangetrieben und für die Öffentlichkeit aufbereitet werden, dass Entscheider und interessierte Bürger eine möglichst fundierte Basis haben, um Aspekte wie diese Ziel führend in ihre Meinungsbildung einzubeziehen.
  • Beispiele zum Stichwort "Alltag": Das Alltagsleben ist inzwischen in vielfältiger Weise durch die Wissenschaft durchdrungen, bspw. bei Medizin und Ernährung, Erziehung und Bildung, bei der Auswahl technischer Produkte, beim Versuch seinen ökologisch Fußabdruck zu vermindern, und vieles mehr. Hauptquellen zurzeit sind Zeitschriftenartikel, "Ratgeberbücher", TV-Ratgebersendungen u.ä., deren Qualität nicht einschätzbar ist. Eine systematische, allgemein verständliche Aufbereitung des wissenschaftlichen Stands zu solchen Themen ist ebenfalls erforderlich.

Wissenschaft hat häufig durchaus Recht, verschafft sich aber nicht ausreichend Gehör

Häufig interpretieren Medien, Politiker und Lobbyisten sehr freizügig wissenschaftliche Ergebnisse bzw. lassen missliebige Ergebnisse unter den Tisch fallen. Oft genug geschieht dies nicht einmal absichtlich, sondern aus Unverständnis.

Bei jedem Bezug auf wissenschaftliche Ergebnisse im öffentlichen Raum soll daher transparent sein, was die wissenschaftlichen Ergebnisse tatsächlich sind, und welche Schlussfolgerungen die verantwortlichen Wissenschaftler selbst aus ihren Daten gezogen haben.

Die Qualität wissenschaftlicher Arbeit muss verbessert werden

Die Qualität von wissenschaftlichen Ergebnissen ist häufig höchst problematisch, selbst wenn überhaupt keine Interessen im Spiel sind. Dies zeigt sich bspw. in einander widersprechenden wissenschaftlichen Ergebnissen und im permanenten öffentlichen Strom falscher Prognosen (bspw. unser täglich Wirtschaftprognose). Studien folgen in der Regel nicht unbedingt den Goldstandards des jeweiligen Faches, ohne dass dieses traurige Faktum irgendwie transparent würde. Zudem sind auch die Goldstandards selbst in vielen Bereichen fragwürdig (bspw. bei Umfragen).

Daher soll

  • zumindest für diejenigen wissenschaftlichen Ergebnisse, die gesellschaftlichen Einfluss haben, eine institutionalisierte Qualitätssicherung eingeführt werden (wozu auch die Recherche von anderen, die Ergebnisse potentiell relativierenden Studien gehört),
  • die Goldstandards in jedem Bereich zwecks kritischer öffentlicher Kontrolle transparent niedergelegt werden und
  • für jedes wissenschaftliche Ergebnis mit gesellschaftlichem Einfluss ein Abgleich mit den Goldstandards des Bereichs transparent für die Öffentlichkeit aufbereitet werden.

Ideal wäre langfristig die Etablierung einer Kultur des "Stimmt das denn auch?", in der ganz selbstverständlich jede Expertenmeinung und jede wissenschaftliche Begründung hinterfragt werden.

Außenseitermeinungen müssen mehr Gehör finden

Oft genug hat die Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft bodenlos falschgelegen. Beispiele mit extremen Konsequenzen sind das Waldsterben (das, wie wir inzwischen wissen, eine Erfindung war) und die ökonomischen Lehrmeinungen bis zur 2008er Krise, die wesentlich für diese Krise mitverantwortlich waren.

Daher sollen die Vertreter der Mehrheitsmeinung gezwungen sein, sich öffentlich nachvollziehbar auf sachlicher Ebene mit Außenseitermeinungen auseinanderzusetzen.

Wie jedes soziale System fördert die etablierte Wissenschaft die Anpassung an die Mehrheitsmeinung bei ihren Nachwuchskräften bzw. schreckt kritisch reflektierende Nachwuchswissenschaftler sogar tendenziell ab bzw. filtert sie bei allzu deutlich gezeigten kritischen Neigungen aus. Daher sollen Karrierechancen für diejenigen Nachwuchswissenschaftler verbessert werden, die sich ein kritisches Bewusstsein dazu, was sie und ihre Kollegen da eigentlich tun, bewahren wollen.

Die Interessenleitung der Wissenschaft muss unterbunden werden

Es ist eine allseits bekannte, traurige Tatsache, die wohl keiner weiteren Belege bedarf, dass Wissenschaft sich häufig von Interessen leiten lässt. Diese sind häufig finanzieller Natur, aber oft geht es auch eher um Prestige, Korpsgeist u.ä.

Daher sollen alle potentiellen Interessenkonflikte - auch die nichtfinanziellen – öffentlich transparent gemacht werden. Um interessenlose Forschung voranzubringen, soll eine gewissen Zahl von Wissenschaftlerstellen / Instituten umgewidmet werden, so dass diese Wissenschaftler / Institute keine privatwirtschschaftlich geförderte Forschung betreiben dürfen und ihre Forschungsaufträge von der Gesellschaft vertreten durch die Politik mit der Zielsetzung größtmöglicher interesseloser Objektivität erhalten.