Benutzer:HeptaSean/Nachlese Bundesparteitag 2010.1

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Danke, Berlin!

Erst einmal möchte ich mich herzlich bei den Berliner Piraten bedanken! Es war in Bingen echt nett mit Euch und hat mich darin bestätigt, dass ich auf jeden Fall im LV Berlin bleiben möchte, obwohl ich die meiste Zeit in einem sehr spießigen Kaff an der Porta Nigra schlafe. (Immerhin ist es einigermaßen nah, wenn der BPT zufällig in Rheinland-Pfalz stattfindet.)

Der arbeitsbedingte Umzug hierher ist auch der Grund, warum ich meist nur über die Mailingliste teilnehme. Die monatlichen Wochenenden zu Hause in Berlin gehören dann doch der Freundin und den Freunden. Außerdem halten sich die Piratenveranstaltungen am Wochenende ja auch in Grenzen.

Bingen hat mir aber auch gezeigt, dass Real-Life-Treffen für vieles besser sind. Mit einigen Piraten, mit denen ich auf elektronischem Wege schon ziemlich aneinandergerasselt bin, lässt es sich live doch sehr gut reden. Auf diesem Weg ein „Sorry!“, falls ich Euch mal per Mail absichtlich oder unabsichtlich zu sehr auf die Füße getreten bin.

Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass es noch ein paar mehr Piraten gibt, die ähnliche oder ganz andere gute Gründe haben, bei Live-Treffen nur selten anwesend sein zu können oder zu wollen: Arbeit, Kinder, andere Hobbies, ... Sicher, wer ein Amt oder ein Mandat anstrebt, muss Prioritäten setzen, aber der einfache Pirat sollte vielleicht doch mitdiskutieren können, obwohl er nicht zu RL-Treffen (zumindest nicht zu vielen oder zu bestimmten) kommen kann oder will. Schließlich ist ein wenig aktiver Pirat immer noch besser als ein überhaupt nicht aktiver oder gar einer weniger.

Ich hätte ein paar Ideen, was man in diesem Bereich machen könnte, habe aber keine Ahnung, ob sie wirklich gut sind. Falls Ihr dazu Meinungen oder Anregungen habt oder sogar glaubt, dass der eine oder andere Vorschlag liquid-reif und auch -geeignet ist, meldet Euch gerne auf allen Kanälen – gleich hier im Wiki, private Mail, Liste, ...

Crew Diaspora: Vielleicht könnte man für Berliner in der Diaspora (Gibt es da eigentlich noch mehr?) oder solche, die aus anderen Gründen wenig Zeit für RL-Treffen haben, eine eigene Crew gründen, die hauptsächlich per Mail kommuniziert. Das eröffnet zumindest die Möglichkeit, die Berliner Hauptliste von unserem Mitteilungsbedürfnis zu entlasten. Außerdem melden sich dort vielleicht auch Piraten, denen die Flame-Quote auf der Hauptliste zu hoch ist.

Größere RL-Events: Beschwingt von Bingen hatte ich die Idee, dass man vielleicht alle paar Monate ein länger geplantes, größeres RL-Treffen am Wochenende – mit oder ohne bestimmte inhaltliche Schwerpunkte – machen könnte. Dies würde es ermöglichen, diesen Termin auch längerfristig einzuplanen, und die Chance erhöhen, dass es sich auch „lohnt“ – die regelmäßigen Treffen von Crews und Squads sind ja doch manchmal nicht soooo gut besucht und/oder produktiv. Full Disclosure: Offensichtlich zu lösende Probleme wären der Ort und/oder die Kosten.

Squads und so: Eigentlich betrifft dieser Punkt nicht nur „Diaspora-Piraten“, denn Squads treffen sich ja meist an bestimmten Wochentagen, wenn sie also mit einem anderen regelmäßigen Termin kollidieren, tun sie das immer. Die (rein) elektronische Teilnahme sollte also – wenn auch mit Einschränkungen – möglich sein.

Eine Art Spezial-Netiquette wäre da und auch bei den ewigen Diskussionen auf der Hauptliste vielleicht eine gute Idee:

  • Die live anwesenden Mitglieder bemühen sich, Anregungen von ML und Wiki auch ohne Anwesenheit des Anregenden zu bedenken (Eine Sichtweise von „außen“ ist ja vielleicht auch ein Indikator, wie Teile der Öffentlichkeit denken könnten.) und umgekehrt die live erreichten Ergebnisse – in einer auch für Uneingeweihte nachvollziehbaren Weise – zu dokumentieren.
  • Die nicht live anwesenden akzeptieren vollständig, dass ihre Mitwirkungsmöglichkeiten eingeschränkt sind und bemühen sich, die live erreichten Ergebnisse nicht einfach nur destruktiv niederzumachen, nicht immer wieder die gleichen Argumente zu bringen, höchstens zu präzisieren, den Traffic in erträglichem Rahmen zu halten, ...
  • Eine Einladung, ein schwierigeres Thema vielleicht doch lieber live zu besprechen, sollte – zumindest beim ersten Mal – freundlich sein. Dafür gebietet es aber auch die Höflichkeit darauf zumindest mit einem „Geht leider nicht.“ zu reagieren, was aber wiederum – eventuell auch ohne nähere Erläuterung – akzeptiert werden sollte.

Naja, soweit erstmal. Wie gesagt, ich hätte großes Interesse, darüber weiter zu diskutieren. Ich liebe Meta-Diskussionen! ;)

Womit wir wieder beim BPT wären:

Meta

Die Organisation des Bundesparteitags als Veranstaltung (nicht unbedingt der Versammlung, also des Parteitags im engeren Sinn, mehr dazu unten) war – meiner Meinung nach – durchaus in Ordnung. Natürlich gebührt den ehrenamtlichen Orga-Helfern Dank für ihre Arbeit!

Die Abers:

  • Der Main-Organisator soll gerüchteweise ein wenig sehr autoritär gehandelt haben. Wenn es stimmt, geht es gar nicht, Mitglieder (die nach meinen Informationen keine Schwerverbrechen begangen haben) mit Hausrecht und Security-Androhung auszuschließen (wenn auch nur von der Vorbereitung). Wie gesagt: Gerüchte ...

Anmerkung hierzu: Als derjenige, der der Halle verwiesen wurde kann ich den Vorgang bestätigen. Mit einigem Abstand zum Geschehen möchte ich aber rückwirkend mein Verständnis für das Ereignis ausdrücken und mich für mein auch nicht ganz einwandfreies Verhalten entschuldigen. Als Organisator hat man sicherlich den Kopf voll mit 1001 Dingen, die man dringender erledigen möchte, als sich mit Prinzipienreiterei eines Einzelnen (mir) zu beschäftigen. Es war nicht OK, dass ich meine Kritik in dem Rahmen öffentlich gestellt habe und ich hätte auch locker abwarten können, bis sich ein Moment für ein ruhiges Vier-Augen-Gespräch ergeben hätte. Ich hätte mehr Augenmass haben müssen in dem Moment. Dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Die Security war entspannt und Hausrecht ist Hausrecht. Belassen wir es dabei. Ich habe etwas gelernt und das ist auch etwas wert. Wer Fragen hierzu hat stelle sie mir bitte persönlich, da ich nicht über weitere beteiligte Personen öffentlich sprechen möchte(Arnd Klinkhart)

  • Das Ganze war ein wenig teuer. Eine nicht ganz so teure, nicht ganz so hübsche Halle an nicht ganz so idyllischer Stelle hätte es auch getan. Und eine Menge dessen, was in Bingen Geld gekostet hat, wäre auch ehrenamtlich möglich gewesen – unter zwei Bedingungen: Der Vorstand organisiert das und es melden sich genug von uns freiwillig.
  • Das leidige Piratenschiff: Es war zwar nur eine Ausfallbürgschaft und sei dem vorigen Vorstand verziehen, aber für die Zukunft sollte klar sein, dass Abendplanungen für Parteitage leicht zu verschieben oder ganz abzusagen sein sollten. Der Parteitag sollte frei sein, weiterzumachen, wenn er will. Außerdem muss so eine Abendplanung unter allen Umständen für die Partei kostenneutral sein. Mit ihre Reservierung nicht einlösenden Piraten ist nach elf Stunden Parteitag einfach zu rechnen.
  • Die Stühle waren sch...

Die Organisation der Versammlung an sich hat wohl für einigen Frust gesorgt. Persönlich hat mich das meiste eher belustigt. Wir können und müssen viel draus lernen und einiges einfach akzeptieren – wir wollen Basisdemokratie und das bringt einige Dinge einfach mit sich. Die anderen Parteien haben sich kürzere Wahlen und klarere, „produktivere“ Antragsstrukturen mit der Aufgabe von demokratischen Elementen erkauft – mit vorher ausgekungelten Kandidaturen, mit Delegiertensystemen, Antragsrecht nur für Gliederungen, wertenden Antragskommissionen etc. pp. Das wollen wir nicht! Bis wir basisdemokratische Wege gefunden haben, nur noch sympathisches, nicht mehr peinliches und frustrierendes Chaos zu produzieren, dauert es wohl noch ein bisschen.

Im Einzelnen:

  • Die GO und ihre Anträge:
    • Wir sollten nächstes Mal vorher dazu aufrufen, dass sich alle damit beschäftigen, um eine gute Vorlage zu haben, die die Teilnehmer dann auch kennen. Ja, es gab Entwürfe und Piraten, die das gemacht haben, aber wichtig ist eben, dass es alle tun, die mit dabei sein wollen.
    • Es sollte auch allen bewusst sein, was in einer basisdemokratischen Partei gar nicht geht: Abstimmen nach Name und Ruf des Urhebers, Beschränkung der Redezeit auf 0 Sekunden, ...
    • Es wäre auch schön, sich vorher bewusst zu machen, dass nicht alles von allen gesagt werden muss.
    • Zur Minimierung der häufigsten GO-Anträge wäre vielleicht auch eine Veränderung des Defaults gut: Automatische Begrenzung der Rednerliste mit der Möglichkeit eines GO-Antrags auf Verlängerung, ...
  • Die Tagesordnung: Wenn wir weiter echte Wahlen haben wollen, dann ist das langwierige Prozedere mit vielen Kandidaten, Vorstellung und peinlicher Befragung notwendig. Das muss aber vorher eingeplant werden. Es ist – zumindest für die Zukunft – absehbar. Den Piraten und auch der Presse anzukündigen, dass auch nur der Hauch einer Chance bestand, auch noch nennenswerte Mengen Inhaltliches zu schaffen, war – meiner Meinung nach – illusorisch bis fahrlässig. Ich habe auch den Vorschlag vernommen, Wahl- und Programmparteitage grundsätzlich zu trennen, und finde ihn zumindest bedenkenswert.
  • Die Versammlungsleitung: Vor allem auch in der Berliner Ecke gab es viel Kritik am teilweise recht harschen und konfrontativen Auftreten des Versammlungsleiters. Sooo schlimm habe ich ihn jetzt nicht empfunden. Ja, es mag bessere Kandidaten geben, aber das ist wie GO und Tagesordnung etwas, mit dem man sich vorher beschäftigen muss und das nicht dem dann gewählten Versammlungsleiter angelastet werden kann, der halt ist, wie er ist. Im Übrigen scheint da auch ein wenig Subjektivität mit im Spiel zu sein: Dem Wahlleiter (aus Berlin) wurden seine Eigenheiten viel eher verziehen als dem Versammlungsleiter (aus Bayern), vielleicht waren sie aber auch einfach weniger gravierend.
  • Die Antragsreihenfolge: Es war ein bisschen kontraproduktiv, dass es im Vorfeld sowohl eine Vorabstimmung in der Antragsfabrik, als auch eine verschlimmbesserte Online-Abart des Alex-Müller-Verfahrens ohne Berücksichtigung der Unterschiede zwischen Satzung, Programm und Sonstigen, als auch eine Gruppierung der Satzungsänderungen nach Bereichen (Vorstand, Finanzen, Schiedsgericht) gab. Ich habe mich, glaube ich, im Vorfeld durchschnittlich bis leicht überdurchschnittlich informiert und hatte dann keinen Überblick mehr, wie jetzt eigentlich eine Reihenfolge zustandekommt. Hier müssen wir eine neue Möglichkeit finden: Alex-Müller online in richtig? Vielleicht als Modul von LiquidFeedback?

Schlussendlich haben wir aber doch was geschafft – Wahlen:

Vorstand

Der alte Vorsitzende ist der neue. Nun gut, er war wohl für die meisten (etwas über 50 %, ich übrigens auch) ein guter Kompromiss – macht nicht viel kaputt, vertritt uns angemessen in der Öffentlichkeit und spaltet intern nicht so, wie es „lautere“ Kandidaten vielleicht getan hätten.

Dass der alte stellvertrende Vorsitzende auch der neue ist, finde ich schon fast zu viel der Kontinuität, zumal das letzte Jahr – bei allen Erfolgen – von Vorstandsseite nicht wirklich optimal gelaufen ist, gerade dieser Kandidat einen kleinen Parteitag mit Delegierten möchte und mit dem wohlbekannten Debakel eklatante Bildungslücken im politischen Bereich bewiesen hat.

Nun gut, es ist halt ein Feature der Wahl durch Zustimmung, dass der zustimmungsfähigste gewinnt. Einerseits sorgt das für einen deutlichen Bias zu Gunsten des Status Quo („Lieber das, was wir kennen, als das!“), andererseits ist es für Personenwahlen fast das Optimum.

Ein wahres Phänomen ist unser Schatzmeister – anscheinend der einzige ohne Einschränkung beliebte Pirat, vielleicht noch überflügelt von seinem Hund. Wahlergebnis nahe an 100 %, gerüchteweise haben die meisten, die nicht „Ja“ gestimmt haben, den Hund gewählt. Vielleicht sähe es auch anders aus, hätte er ein politisches Amt (der Schatzmeister, nicht der Hund ..., obwohl ...).

Die andere gute Nachricht sind die Beisitzer. Eine Ausnahme von meiner ansonsten ohne Namen gehaltenen Nachlese: Christopher, herzlichen Glükwunsch! (Ich bin Sonntag irgendwie nicht mehr dazu gekommen, Du warst dann ja auch vielbeschäftigt.)

Ich hoffe, die neuen Beisitzer sorgen dafür, dass der Vorstand seine Aufgaben mit mehr Feuer wahrnimmt, die Liquid-Einführung angemessen begleitet usw. usf.

Zwei interessante Beobachtungen zu Gerüchten und Verschwörungstheorien rund um die Kandidaten habe ich noch gemacht:

Von einem der Kandidaten hörte ich irgendwann, dass er nicht wählbar sei, weil er gegen die Kennzeichnung von Polizisten auf Demonstrationen und für härtere Strafen bei Gewalttaten gegen Polizisten sei. Irgendwie hatte ich gerade Lust dazu, versuchte also die Quelle dieses Gerüchts zu finden und fand sie auch: Es war ein persönliches Gespräch eines Berliner Piraten mit dem Kandidaten, der mir aber sagte, dass er schon glaube, dass man ihm glauben könne, dass er Beschlüsse der Basis über die persönliche Meinung stelle. Ich habe ihn letztlich gewählt, da letzteres für mich eine der wichtigsten Eigenschaften eines Funktionsträgers der Piraten ist – wenn er das wirklich kann, dann verliert seine persönliche Meinung zu Einzelfragen ja gerade an Bedeutung. (Im Übrigen ließe sich über die härteren Strafen ja vielleicht sogar reden, wenn es umgekehrt auch härtere Strafen für Gewalttaten durch Polizisten gäbe. Polemik aus.)

Über einen der anderen Kandidaten ging irgendwann das Gerücht, er sei ein getarnter Waffenlobbyist mit Verbindungen nach Amerika oder so. Dies konkretisierte sich dann in der Fragerunde dazu, dass er ein Ex-Stipendiat und damit „Fellow“ des „German Marschall Funds“ ist – einer Organisation über die nicht mal die Versionsgeschichte der Wikipedia eine Verschwörungstheorie zu bieten hat. Nun, der Mann war aus anderen Gründen nicht unter meinen Favoriten, aber trotzdem: Warum hinterfragen wir eigentlich Regierungen und Wirtschaft, bis es nicht mehr geht, was gut so ist, sind bei Verschwörungstheorien aber – zumindest im Schnitt – dann doch ein bisschen unkritischer?

Über die in der Kandidatenvorstellung aufgetauchte Gender-Debatte möchte ich gar nicht so viel schreiben: Nein, der Pirat ist nicht geschlechtsneutral. Ja, das generische Maskulinum macht eine Satzung sehr viel leichter lesbar. Nein, das heißt nicht, dass sich Piratinnen nicht Piratinnen nennen dürfen. Ja, wir haben wenig Frauen, außer in Berlin vielleicht. ;) Nein, das muss nicht unser Fehler sein. Ja, das könnte unser Fehler sein, ebenso wie der Überschuss an Akademikern, der Überschuss an dann doch leicht links angehauchten Piraten, ... Es sollte uns um einen besseren Umgang mit Menschen gehen, wo wir noch einiges zu tun haben, Frauen sind da natürlich inbegriffen. Die Hinrichtung der Kandidatin in der Fragerunde hätte nicht Not getan, war aber vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Berlin verständlich, wenn sie auch an diesen vielleicht nicht ganz allein die Schuld trägt. Schluss.

Und zu etwas erfreulichem:

Liquid Feedback

Ja, ich freue mich, dass Liquid Feedback jetzt bundesweit eingeführt wird, obwohl ich durchaus zur Skeptiker-Fraktion im Berliner LV (na ja, auf der Berliner ML, siehe oben) gehöre.

Viele Argumente der LF-Entwickler und -Befürworter überzeugen durchaus. Aber oft macht auch der Ton die Musik. Dafür muss ich erstmal oben gesagtes relativieren: Ich gehöre nicht zu einer Fraktion und die Befürworter bilden auch keine Fraktion. Es wird aber leider so wahrgenommen, besonders da in beiden Gruppen auch eher undiplomatische Zeitgenossen mit eher schwachen Argumenten vorkommen. Und der Ärger da drüber geht dann irgendwann – natürlich – auch auf die bedenkenswerten, wenn nicht guten Argumente der gleichen Person und nach einigen Iterationen auch auf bedenkenswerte, vielleicht sogar gute Argumente von anderen Personen über. Können wir vielleicht alle versuchen, uns diesbezüglich ein wenig am Schlüppergummi zu reißen? Ja, ich auch.

Wir sollten für die bundesweite Einführung eine ausführliche Dokumentation erstellen. Ich würde mich gerne aus auch skeptischer Sicht daran beteiligen. Wichtige Themen, die immer wieder vorkommen und Berücksichtigung finden könnten:

Datenschutz: In Berlin wurde der Fehler gemacht, nicht klar zu kommunizieren, dass geplant ist, die Daten komplett, inklusive Abstimmungsverhalten mit dem persönlichen Profil als einziger Ausnahme, zu veröffentlichen. (Ja, ich weiß, es war in den Nutzungsbedingungen vorgesehen. Über „klar“ lässt sich streiten, ok?) Für die bundesweite Nutzung sollten wir aber vorher glasklar kommunizieren, dass die Nutzer gut überlegen sollten, ob sie diese Öffentlichkeit wollen. Wenn sie zur Sicherheit pseudonym sein wollen, dann sollten sie auch glasklar darauf hingewiesen werden, dass sie nicht eines ihrer Standard-Pseudonyme nehmen sollten, sondern etwas völlig einmaliges. Auf die theoretische Möglichkeit, Nutzer durch unbedarfte Äußerungen in Anträgen oder Anregungen oder sogar durch Analyse des Stils von Texten oder die Beteiligungs- und Abstimmungspattern zu identifizieren sollte hingewiesen werden.

Eine Beteiligungsmöglichkeit – mindestens in Form von Antragstellung im Auftrag ohne Beteiligung an der Abstimmung – sollte für Piraten, die unüberwindbare Vorbehalte haben, angeboten werden. Ebenso muss eine klare Regelung für das Deaktivieren und Anonymisieren von Accounts gefunden werden. Wenn dies bei Parteiaustritt möglich ist (was ich irgendwie noch im Ohr habe), dann muss es eigentlich auch für Mitglieder möglich gemacht werden. Es kann ja nicht sein, dass man aus der „Datenschutz-Partei“ austreten muss, um seine Daten geschützt zu bekommen. (Bei der Anonymisierung sollte auch auf die Inhalte der Antrags- und Anregungs-Texte geachtet werden, da dort ja – entgegen der Idee, aber trotzdem – des öfteren Anreden und ähnliches vorkommen.)

Der Aus- und Wiedereintritt wurde mir von einem Entwickler tatsächlich nahegelegt - da ist echt die Nerd-Partei wie sie leibt und lebt... Und natürlich ist es mit dem "Deaktivieren" eines Accounts nicht getan, sondern die früheren Eingaben müssen komplett zu LÖSCHEN sein. --Bernd 14:56, 18. Mai 2010 (CEST)

Diskussionen: Liquid Feedback ist nur sehr begrenzt für Diskussionen geeignet. Im System sind keine reinen Meinungsäußerungen und auch nur eine Ebene Anregungen möglich. Es sollte, nicht nur im Bundes-Liquid, sondern auch im Berliner Liquid mehr von der Möglichkeit der Verlinkung (und auch der Nutzung) externer Diskussionsmedien Gebrauch gemacht werden. Leider sind die Diskussionsmedien, wenn sie existieren, zu oft verwaist.

Die Diskussion findet dann all zu oft durch Anregungen und Bewertung dieser Anregungen statt. Wir sollten darauf hinwirken, diesen Missbrauch zu minimieren. Bitte seht davon ab, reine Diskussionsbeiträge mit "darf nicht" zu bewerten. Ein Diskussionsbeitrag ist keine Anregung und kann gar nicht umgesetzt werden, er muss daher auch gar nicht bewertet werden und sollte – meiner Meinung nach – am Besten ignoriert werden. Noch freundlicher ist es natürlich den diskutierenden auf das richtige Diskussionsmedium, das hoffentlich existiert hinzuweisen.

Ich würde offensiv darauf hinweisen, dass die Entwicklung eines zu Liquid Feedback komplementären Systems für die Erarbeitung von Anträgen und die Diskussion, das hierfür besser geeignet ist als Wiki und Pad, natürlich begrüßt wird.

Warum überhaupt Delegationen? Die Delegation ist ein Kernelement des Konzeptes Liquid Democracy, nicht nur des Tools Liquid Feedback. Das Wort „Liquid“ bezieht sich auf den fließenden Übergang zwischen direkter und repräsentativer Demokratie. Es soll also eine Möglichkeit geschaffen werden, sowohl selbst abzustimmen als auch an einen vertrauenswürdigen Menschen zu delegieren, wobei dies auch die Delegation an Experten, die sich mit dem Thema auskennen, ermöglichen und befördern soll. Hierfür ist auch die Weiterdelegation von Stimmen vorgesehen, mit der ein Experte in einem Themengebiet die auf ihn delegierten Stimmen und seine eigene an einen noch spezialisierteren Experten weitergeben kann.

Es ist, denke ich, wichtig, einerseits darauf hinzuweisen, dass diese Delegationen ein wohldurchdachter Kernpunkt von Liquid Democracy sind und nicht etwa ein mal eben implementierter Schnellschuss der Entwickler, andererseits aber auch zu betonen, dass wir mit Liquid Democracy und Liquid Feedback noch experimentieren und sich auch noch gravierende Probleme herausstellen könnten. Es besteht meiner Meinung nach kein Grund, die theoretische Alternative eines reinen Urabstimmungstools ohne Delegationen völlig auszuschließen.

Da wir jetzt sowohl in Berlin, als auch im Bund breit getragene Parteitagsbeschlüsse haben, bitte ich alle Skeptiker (inklusive mir), dies zu akzeptieren, wie es beschlossen ist, und konstruktiv zu begleiten. Ich bitte aber auch die Befürworter zu bedenken, dass ein zwangsweise nicht genau erhebbarer, aber vermutlich großer Teil dieser Zustimmung eher eine Zustimmung zu „irgendwas mit online Abstimmen“ als eine Zustimmung zu „genau diese Idee von Delegation in genau dieser Variante“ war.

Was sind denn die Probleme bei Delegationen?

  • Wer ist ein Experte?
    • Die Grundidee, an einen Experten in einem Gebiet zu delegieren, hängt unter anderem auch vom Zuschnitt der Gebiete im System ab, die zwar gut durchdacht sein kann und selbst Gegenstand von LF-Abstimmungen ist und damit von den Nutzern bestimmt wird, letzlich aber immer bis zu einem gewissen Grad willkürlich ist. Wenn jemand nun Experte in einem sehr speziellen Gebiet ist („Queer-Politik“, „Freifunk“, „Sorgerecht“, ...), das vom System so nicht abgedeckt ist, kann man demjenigen entweder eine Delegation für den nächstgrößeren Themenbereich geben, in dem er sich aber möglicherweise nicht überall so gut auskennt, oder man delegiert pro Thema, was einen sehr viel größeren und regelmäßigen Aufwand bedeutet.
    • Außerdem hängt bei einem Thema, das mehrere Gebiete berührt, die aktive Delegation zusätzlich möglicherweise davon ab, welches der berührten Gebiete der Antragsteller wählt.
    • Das Phänomen, dass sich Experten in einem Gebiet höchst selten wirklich einig sind, dürfte bekannt sein. Es ist also keineswegs sicher, dass der delegierte Experte wirklich im Sinn des Delegierenden abstimmt. Wir haben kein imperatives Mandat (und das ist gut so).
    • Es ist sehr schwer, wirklich zu beurteilen, wer ein Experte in einem Gebiet ist. Dies kann dazu führen, dass die wenigen wirklich ausgewiesenen und bekannten Experten in der Partei eine sehr starke Übermacht bekommen, obwohl Experten nicht unbedingt Recht haben müssen.
  • Vertrauen ist nicht transitiv. Das Ergebnis der vorigen Punkte ist, dass Delegationen, zumindest meiner Beobachtung in Berlin nach, oftmals eher nach Vertrauen und/oder Sympathie als nach wirklichem Expertentum vergeben werden. Dies stellt aber die Weiterdelegation auf ein schwächeres Fundament. Sie zwingt dazu, nicht nur dem Delegierten, sondern auch den Delegierten des Delegierten, den Delegierten der Delegierten des Delegierten, ... zu vertrauen. Ersatzweise kann auch darauf vertraut werden, dass eine Ebene in Fällen, in denen der nächsten nicht mehr zu trauen ist, die Delegation entzieht. Dies ist zumindest eine Schwäche, da Wachsamkeit, Menschenkenntnis und Kompetenz nicht unbedingt zusammenhängen, aber alle drei von einem Delegierten benötigt werden.
  • Die Piraten sind nicht mehr gleich. Ein einzelner Pirat ohne oder mit wenig Delegationen hat sehr viel weniger Möglichkeiten, eine „erfolgversprechend aussehende“ Initiative oder Anregung zu erstellen. Ein Delegierter mit vielen Stimmen kann diese, vor allem im Fall der Anregung auch noch relativ leicht „rot machen“. Natürlich hat der Delegierte seine Stimmen nicht in der Lotterie gewonnen, sondern liquid-demokratisch delegiert bekommen, die sozialen Dynamiken sind dennoch unklar. Wird ein Delegierter wirklich kontrolliert, ob er sich nicht dazu hinreißen lässt, die delegierten Stimmen gegen einen ihm „nur“ persönlich unsympathischen Piraten einzusetzen? Schrecken „rote“ Anregungen eher ab und werden ignoriert oder machen sie neugierig, sodass zumindest eine Kontrolle stattfindet? Wie sehr folgen Piraten mit ihrer Unterstützung/Stimme dem schon vorgegebenen Meinungsbild?

Diese Probleme und Fragen sollten, denke ich, beobachtet werden. Einen einfachen Ausweg scheint es nicht zu geben, da die ebenfalls liquiden Alternativen andere gravierende Nachteile aufweisen. Die Befürworter von LF möchte ich aber bitten zu versuchen, es nicht als Allheilmittel aus der besten aller möglichen Welten darzustellen.

Das ist übrigens ein Phänomen, das die Gruppe der LF-Befürworter mit der Gruppe der BGE-Befürworter gemeinsam hat. Es gibt eine deutlich wahrnehmbare Teilmenge, die es begeistert und laut, dafür aber umso unpräziser unterstützt und fast jede Kritik als absolut unzulässige Majestätsbeleidigung wahrnimmt. Es könnte aber auch sein, dass meine Wahrnehmung das irgendwie verzerrt.

Fest steht aber, dass auch und gerade in LF verantwortungsvoll mit der Stimme umgegangen werden muss.

Totschlagargumente:

  • Mach's doch selbst besser. (Es ist Open Source, hat/bekommt eine offene Schnittstelle.) Im Prinzip richtig, so aber – vor allem gegenüber weniger technik-affinen Piraten – ein ziemliches Totschlagargument, zumal nur Liquid Feedback die Parteitagsbeschlüsse im Rücken hat. Ich würde mir wünschen, dass dieses Argument von einem Totschlagargument zu einem validen Argument wird, indem sich eine Gruppe zusammenfindet, in der mit Befürwortern und Skeptikern, technik-affinen und weniger technik-affinen gemeinsam Module zu LF, alternative Konzepte, vielleicht auch Prototypen für Konkurrenz-Systeme, Testfälle für wahrgenommene oder tatsächliche Probleme etc. entwickeln. Da wir uns jetzt bundesweit damit beschäftigen, besteht die reelle Chance, dass sich genug Piraten finden, als dass dabei auch etwas herauskommt.
  • Ich bin Wissenschaftler/Mathematiker/... und habe mir das angeschaut. Es ist alles in Ordnung. Gerne provoziert durch „Beweis durch Beispiel“ durch einen Skeptiker. Sorry, ich bin auch Wissenschaftler und für einige der Probleme dort oben gibt es einfach keine valide wissenschaftliche Methode. „Beweis durch Beispiel“ geht natürlich wissenschaftlich nicht, „Verdeutlichung durch Beispiel“ geht sehr wohl, „Widerlegung einer Allaussage durch Gegenbeispiel“ übrigens auch. Also, Befürworter: Bitte keine Argumentation durch Autorität! Skeptiker: Eine seltsam aussehende Abstimmung kann Euer Problem verdeutlichen, aber nicht beweisen, dass das alles totaler Käse ist.
  • Du kannst doch jederzeit selbst abstimmen/Deine Delegation zurückziehen. Ja, aber einerseits muss dafür genau der Aufwand durchgeführt werden, den die Delegationen eigentlich sparen sollten, andererseits bringt das wenig, wenn die Delegationen, die gegen einen stehen, nicht zurückgezogen werden. Wir brauchen Kommunikationskanäle neben LF, damit möglicherweise umstrittene Themen die nötige Aufmerksamkeit bekommen und nicht von „Power-Delegierten“ einfach mal so ohne Kontrolle entschieden werden. Befürworter: Wie oben schon gesagt, funktioniert das System nur, wenn alle verantwortungsvoll damit umgehen. Diese Voraussetzung zu verschweigen oder zu einem Problem des einzelnen Skeptikers zu machen, ist unredlich. Skeptiker: Dass Euer „Gegner“ die Delegationen behält, heißt nicht unbedingt, dass keiner kontrolliert, sondern möglicherweise auch, dass die Delegierenden ganz zufrieden sind.

Kernprogramm vs. Vollprogramm

Nur noch kurz ein paar Worte – ich schreibe schon viel zu lange hier dran und fürchte, dass das keiner mehr liest. ...

  • Ich werde nicht diese unsäglichen Abkürzungen benutzen. – So grün ist orange hoffentlich noch nicht.
  • Eigentlich ist diese Debatte sehr konstruiert und wird durch Konstrukte wie „erweitertes Kernprogramm“ nur künstlich angeheizt. Lasst uns von den Kernthemen und vor allem der Freiheit aus langsam erweitern!
  • Ein Punkt sollte erst ins Programm, wenn wir auch ein ausgearbeitetes Konzept dazu haben, das in Wahlprogrammen und so verwendet werden kann und das realistisch umgesetzt werden könnte. (Ja, das BGE dauert dann noch 'ne Weile.) Schwammige Politiker-Willenserklärungen brauchen wir nicht.

Kommentare

Ich habs erst heute aber immerhin dann auch bis zum Ende geschafft ;) Manch gute Einschätzung dabei. Danke.--rka 11:31, 20. Mai 2010 (CEST)