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AG Nuklearia/Kernenergie und die Piraten

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Kernenergie und die Piraten: Einige Gedanken von Neil Brainstrong

Der Überfluß an Energie wird nicht nur der industriellen Produktion einen ungeahnten Aufschwung geben, sondern auch unser persönliches Leben umgestalten und bereichern. [...] Wenn nun die Produktion gesteigert wird, können größere Mengen von Bedarfsgütern zu niedrigeren Preisen hergestellt werden. Natürlich braucht man dazu nicht nur Atomenergie, sondern der gesamte Produktionsablauf muß mechanisiert und automatisiert werden - das zweite hauptsächliche Charakteristikum der Technik von morgen. Mit weniger Aufwand an Zeit und menschlicher Arbeitskraft wird mehr und billiger produziert werden.

-- Hans Kleffe: Energie der Zukunft (1957)


Ja, es ist doch eine großartige Sache, diesem Zwang zur Arbeit befreit zu sein. [...] Der Mensch hat die fünfte Schöpfung geschaffen, nämlich die Maschinen. Diese Maschinen sind unsere modernen Sklaven. Und es ist wunderbar, diesen Sklaven bei der Arbeit zuzuschauen. Es ist ein Genuss zu sehen, wie die Roboter in den Autofabriken die Karosserien zusammenschweißen, da meinen Sie, Titanen wären am Werk.

--Götz W. Werner: Ein Grund für die Zukunft: das Grundeinkommen (2006)


Inhaltsverzeichnis

Warum eine ausstiegskritische Nuklearia gerade in der Piratenpartei?

Viele fragen sich zweifellos, wieso sich gerade innerhalb der Piratenpartei eine ausstiegskritische Nuklearia gründet. Assoziiert man die Nutzung der Kernenergie herkömmlicherweise nicht eher mit CDU oder FDP?

Inhaltliche Ausweitung des Piratenkonzepts

Die Piraten werden immer noch als Urheberrechts- und Internetpartei angesehen, die für informationelle Selbstbestimmung, gegen Überwachung online und offline sowie für die freie Verfügbarkeit von Daten kämpft. Inzwischen hat zumindest die deutsche Piratenpartei ihr Programm jedoch ausgeweitet und sich fortentwickelt - zu was genau?

Diese Frage wird jeder, in Abhängigkeit von seinen persönlichen Interessen, Neigungen und Wünschen, etwas unterschiedlich beantworten. Ich spreche jedoch gewiß nicht nur für mich selbst - auch wenn dieser Aspekt für mich persönlich einer der attraktivsten der Piratenpartei ist - wenn ich sage, dass sie bislang die einzige Partei Deutschlands ist, die den Gedanken der Post-Scarcity-Gesellschaft verstanden und akzeptiert hat.

Die Welt nach dem Ende der Knappheit

Die Menschheit befindet sich - zumindest innerhalb der Industrienationen - gerade an der Schwelle zu Post-Scarcity: Durch Robotik, Automatisierung, künstliche Intelligenz und Nanotechnik wird menschliche Arbeit in der Produktion allmählich überflüssig und es zeichnet sich am Horizont eine Welt ab, in der die Menschen dazu befreit werden, ihre Träume zu verwirklichen, anstatt in Fabriken, Minen, landwirtschaftlichen Betrieben und anderen Produktionsstätten "malochen" zu müssen damit alle ernährt werden können, da dies nun Maschinen übernehmen.

Diese Perspektive hat sich bei der Mehrheit der Bevölkerung noch nicht durchgesetzt. Überall fürchten die Menschen den Verlust des Arbeitsplatzes und klagen: "Ja wenn wir nur Vollbeschäftigung hätten!" Politiker werben mit dem Versprechen möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen. Einzig bei den Piraten steht nicht im Programm "wir wollen durch diese und jene Maßnahme möglichst viel Arbeit schaffen" sondern: "Da das Ziel ein Einkommen zur Existenzsicherung für jeden ist, sollte dieses Einkommen jedem direkt garantiert werden. Nur dadurch ist die Würde jedes Menschen ausnahmslos gesichert. So wie heute bereits u.a. öffentliche Sicherheit, Verkehrswege und weite Teile des Bildungssystems ohne direkte Gegenleistung zur Verfügung gestellt werden, soll auch Existenzsicherung Teil der Infrastruktur werden". Dieses Recht auf gesicherte Existenz wird von vielen im Sinne eines Bedingungslosen Grundeinkommens gedeutet, weswegen beim zweiten Bundesparteitag 2011 auch mehrheitlich beschlossen wurde, das BGE ins Programm für die nächste Bundestagswahl aufzunehmen.

Bedeutung der Energieerzeugung für die Post-Scarcity-Gesellschaft

Eine solche Welt, deren Ziel die Befreiung des Menschen von der Arbeit durch Maschineneinsatz ist, ist jedoch nur auf Basis hoher Energieflüsse möglich. Mithilfe moderner Technologien wie Elektroautos (sparsamer als Benziner), Wärmepumpen (zum effizienten Heizen) oder Magnetschwebebahnen (anstelle von Kurzstreckenflügen) lässt sich der Leistungsverbrauch pro Mensch zwar durchaus bei Beibehaltung des Lebensstandards verringern und das ist auch sinnvoll und wünschenswert. Wenn man nun aber anstrebt, zahlreiche Roboter einzuführen, die den Menschen von stumpfsinnigen Tätigkeiten befreien, dann kann der Leistungsverbrauch wieder ansteigen. Roboter sind sowohl in der Herstellung wie auch im Betrieb energiehungrig.

Das bedeutet, dass sich eine Post-Scarcity-Gesellschaft nur verwirklichen lässt, wenn pro Person mehrere Kilowatt - typischerweise zwischen 5 und 10 - zur Verfügung stehen. Hierzu können die Erneuerbaren Energiequellen durchaus substantiell beitragen. Den kompletten Bedarf aus ihnen zu bestreiten stößt in dichtbesiedelten Ländern wie Deutschland jedoch schnell an praktische Grenzen. Daher wird eine auf robotische Produktion gestützte Gesellschaft zumindest vorläufig - vielleicht auch langfristig - auf die Kernenergie angewiesen sein.

Anstatt wie die Grünen "durch Sonne zur Arbeit" zu fordern, streben die Piraten Befreiung durch das Recht auf gesicherte Existenz an. Das ist ein wichtiger, zukunftsweisender Schritt. Aber er impliziert, dass man starke, postfossile Energiequellen nicht leichtfertig fortwerfen sollte.

Dies ist aus meiner Sicht der Hauptanknüpfungspunkt. Aber es gibt noch einige andere...

Weitere Anknüpfungspunkte

  • Zum anderen wird eine dezentrale, transparente Energieversorgung angestrebt. Dies ist interessanterweise mit Kernenergetik einfacher zu realisieren als mit Erneuerbaren: Das Imageproblem der Kernkraft basiert ja nicht zuletzt darauf, dass viele mit dem Begriff gewaltige, zentralisierte "Leichtwasserriesen" assoziieren, die über 1 GW ins Netz einspeisen. Doch bei modernen Reaktordesigns braucht das nicht der Fall zu sein. Kernkraftwerke können auch in kleinen Modulen von ca. 50 bis 100 MW Stärke serienmäßig produziert werden. Mit solchen Minireaktoren könnten Industriebetriebe und Ortschaften dezentral versorgt und von Stromeinspeisung von außen weitgehend unabhängig werden! Besonders der Laufwellenreaktor scheint hierfür eine attraktive Option zu sein, da er, einmal mit abgereichertem Uran gefüllt und unterirdisch installiert, jahrzehntelang ohne menschliches Eingreifen Energie produzieren kann.

Mir persönlich scheinen die Piraten im Augenblick die einzige Partei zu sein, in der fortschrittliches und futuristisches Denken erwünscht ist. Aber technischer und wissenschaftlicher - und, in gewisser Hinsicht, auch gesellschaftlicher - Fortschritt waren in der Geschichte der Menschheit bisher stets mit Zunahme des Energieverbrauchs verbunden. Die Menge an Solarenergie, die man mit vertretbarem Flächen- und Materialaufwand einsammeln kann, ist begrenzt. Daher sind die Piraten inhaltlich der Kernenergie durchaus näher als es den meisten Parteimitgliedern selbst bewußt sein dürfte.

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